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Andreas Rohracher: Salzburgs letzter Fürsterzbischof

Zeitgenossen beschreiben Andreas Rohracher als imposante Erscheinung: ein stattlicher Mann, begnadeter Redner und in Glaubensfragen entschieden. Von 1943 bis 1969 leitete der gebürtige Osttiroler die Geschicke der Erzdiözese Salzburg und trug bis 1951 als Letzter den Ehrentitel „Fürsterzbischof“. Vor 50 Jahren ist Andreas Rohracher in Altötting in Bayern verstorben.

Vor der Wahl von Andreas Rohracher blieb der Bischofsstuhl in Salzburg rund eineinhalb Jahre unbesetzt. Rohrachers Vorgänger, Sigismund Waitz, ist Ende Oktober 1941 verstorben. Doch aufgrund der kirchenpolitischen Lage in Österreich wählte das Domkapitel erst am 3. Februar 1943 den damaligen Gurker Weihbischof und Kapitularvikar Andreas Rohracher zum Erzbischof von Salzburg.

Dreifacher Akademiker

Kirchlich sozialisiert wurde Andreas Rohracher in Kärnten und war lange Zeit in der Diözese Gurk-Klagenfurt tätig, wo er von 1939 bis 1945 als Kapitularvikar das Bistum verwaltet hat. Seine akademischen Studien schloss er mit Doktoraten in Innsbruck (Theologie), Wien (Rechtswissenschaften) und Rom (Kirchenrecht) ab.

Versöhnung, Dialog und Reformen

Der Diözesankonservator der Erzdiözese und Pfarrer von Elsbethen, Roland Peter Kerschbaum, hat sich mit dem Leben von Erzbischof Andreas Rohracher beschäftigt. Im Gespräch mit dem Landes-Medienzentrum (LMZ) informiert der Geistliche über das theologische Wirken und die historische Bedeutung des letzten Fürsterzbischofs in Salzburg.

„Das Thema der Versöhnung war Andreas Rohracher zeitlebens sehr wichtig.“

Roland Peter Kerschbaum (Diözesankonservator der Erzdiözese)

Roland Peter Kerschbaum Portrait

LMZ: Andreas Rohracher wurde 1943 zum Erzbischof gewählt. Welche Möglichkeiten hatte der Erzbischof, um sich gegen das NS-Regime zu positionieren?
Kerschbaum: Die bekannte Salzburger Historikerin Erika Weinzierl hat Andreas Rohracher einmal als österreichischen „von Galen“ bezeichnet. Der Bischof von Münster, Clemens August Graf von Galen, hat sich zwischen 1933 und 1945 öffentlich gegen die Morde an Menschen mit Behinderungen oder Kranken ausgesprochen. Auch hier zeigte Rohracher eine klare Haltung. Als Weihbischof von Gurk protestierte er gegen die Tötung von Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen und setzte sich für die slowenische Bevölkerung, die unter starker Verfolgung litt, ein.

LMZ: Welche weiteren Schritte hat Erzbischof Andreas Rohracher unternommen?
Kerschbaum: Als Erzbischof nahm er unmissverständlich in seinen Predigten und Hirtenbriefen Stellung, von denen einige nicht gedruckt werden durften. Die Gläubigen seiner Diözese waren ihm stets ein Anliegen. So ist er etwa nach Berlin gefahren und hat sich persönlich für Gefangene des NS-Regimes eingesetzt. Den Mut dafür hat er neben seiner Glaubenskraft wohl auch aufgrund seiner guten Kontakte zu Papst Pius XII. geschöpft.

LMZ: Welche Rolle spielte Andreas Rohracher bei der kampflosen Übergabe der Stadt Salzburg am 4. Mai?
Kerschbaum: Der Erzbischof hatte eine gute Gesprächsbasis mit Gauleiter Gustav Scheel. Ende April, beim letzten Gespräch der beiden, hat Andreas Rohracher mit Scheel über die kampflose Übergabe der Stadt Salzburg gesprochen. Das zeigt auch eine entsprechende Gesprächsnotiz, die erhalten geblieben ist. Deshalb kommt wohl auch Rohracher und seinen persönlichen Vernetzungen im Blick auf die kampflose Übergabe der Stadt Salzburg ein nicht zu unterschätzender Anteil zu.

LMZ: Wie hat Andreas Rohracher die kirchliche Nachkriegsordnung in Salzburg mitgestaltet, insbesondere in Fragen von Versöhnung und Wiederaufbau?
Kerschbaum: Das Thema der Versöhnung war Andreas Rohracher zeitlebens sehr wichtig. Auch nach dem Krieg hat er die Versöhnung gesucht. Er warnte vor Racheakten und hat sich im sozialen Friedenswerk für ehemalige Parteimitglieder und deren Familien eingesetzt. Sie sollten so wieder in die Gesellschaft eingegliedert werden. Leider wurde dieser Akt auch von ehemaligen Tätern missbraucht, erschien vielen Zeitgenossen als unangemessen und wird auch in der heutigen Forschung eher kritisch gesehen. Ein großes Anliegen war ihm der Wiederaufbau des Doms, der am 16. Oktober 1944 durch einen Bombentreffer stark zerstört wurde. 1959 konnte Rohracher die Domkirche wieder feierlich eröffnen. Er war ein wesentlicher Motor des Wiederaufbaus.

LMZ: Wie begegnete Andreas Rohracher anderen christlichen Religionen?
Kerschbaum: Einen großen Verdienst hat Rohracher im Verhältnis zur Evangelischen Kirche. 1966 bat er die evangelischen Christinnen und Christen um Vergebung für die Protestantenvertreibung von 1731/1732. Auch hier war für ihn das Zweite Vatikanische Konzil ein Anstoß, die Ökumene in der Erzdiözese nach Kräften zu fördern, nachdem es vorher nur zaghafte Annäherungen im sozial-karitativen Sektor gegeben hatte.

LMZ: Welche gesellschaftliche Veränderung hat Andreas Rohracher in der Erzdiözese nach 1945 angestoßen?
Kerschbaum: Er hat die Erneuerung nach innen angestoßen. So wurde beispielsweise das Katechetische Amt für alle Bereiche des Religionsunterrichts gegründet. 1946 erfolgte die Gründung des Katholischen Bildungswerks und 1961 des Internationalen Forschungszentrums für Grundfragen der Wissenschaften. Des Weiteren hat er das Diözesanblatt „Rupertibote“, das heutige „Rupertusblatt“, ins Leben gerufen. Ebenfalls engagierte er sich wesentlich beim Aufbau der Katholischen Aktion der Jugendorganisationen. Auch die Ehevorbereitung in der Diözese hat er eingeführt. Dieses Jahr feiern wir das 60. Jubiläum der Eheseminare.

LMZ: Andreas Rohracher hat drei Synoden in Salzburg einberufen: 1948, 1958 und 1968. Welche Rolle spielten diese innerhalb der Erzdiözese?
Kerschbaum: Bei der Synode von 1948 ging es, erstmals auch unter Beteiligung von Laien, um pastorale und soziale Fragen. 1958 spielte das Thema der Verkündigung eine große Rolle. Vom Zweiten Vatikanischen Konzil in Rom kehrte Rohracher mit großen Hoffnungen heim. Mit der Synode 1968, der ersten nachkonziliaren Synode in Österreich, wurden Pfarrgemeinderäte eingesetzt und liturgische Reformen eingeleitet. Das war zu dieser Zeit nicht unumstritten und verursachte teilweise große Spannungen. Rohracher, der ja in ganz anderen politischen und kirchlichen Strukturen aufgewachsen war, ist in seinem Amt gewachsen und war bereit, Reformen zu initiieren und diese auch mitzugehen. Das waren damals Quantensprünge im innerkirchlichen Diskurs.

LMZ: Sie haben sich intensiv mit Rohracher beschäftigt. Wie würde der Erzbischof auf das Jahr 2026 blicken?
Kerschbaum: Rohracher hat Unfrieden und Unfreiheit selber erlebt und meinte öfters: „Meine schönsten Bischofsjahre waren die zur Kriegszeit und in den Jahren danach. Da war der Zusammenhalt am größten.“ Er wäre wohl sehr dankbar, dass Österreich und Salzburg im Frieden leben und die Kirche in Freiheit agieren darf. Und er würde sich wohl auch heute um Einheit, Zusammenhalt und Frieden bemühen. REP_260310_90 (msc/grs)