Fragen und Antworten

zum flexiblen Tempolimit 80/100 auf der A1

1. Warum ist das flexible Tempolimit überhaupt notwendig?

Im Gegensatz zum Feinstaub, bei dem ein Rückgang in den vergangenen Jahren erkennbar war, liegt die Langzeitbelastung mit Stickstoffdioxid (NO2) im Nahbereich stark frequentierter Straßen seit Jahren in einem kritischen Bereich. Das Land ist verpflichtet, Maßnahmen zu setzen, um die Schadstoffbelastung dauerhaft zu senken und damit die Gesundheit der Anrainer zu schützen. Laut einem EuGH-Urteil sind von betroffenen Anrainern geeignete Maßnahmen auch einklagbar. Seit Einführung des flexiblen Tempolimits konnte die Stickstoffdioxidbelastung um rund fünf bis sechs Prozent gesenkt werden.


2. Welche gesundheitlichen Auswirkungen hat Stickstoffdioxid?

Bereits in den 1990er Jahren ergaben österreichische Untersuchungen eindeutige Zusammenhänge zwischen der Stichstoffdioxidbelastung an der Westautobahn (Niederösterreich) und der Häufigkeit von Asthma. "Die Asthmahäufigkeit in den Orten der höchsten Stickstoffdioxid- Belastung war dabei um das Fünffache erhöht." Dies stellte der Vorstand der Universitätsklinik für Pneumologie der PMU Salzburg, Primar Univ.-Prof. Dr. Michael Studnicka, klar. Seit damals wurden in einer Vielzahl von Studien die Auswirkungen von Stickstoffdioxid- Belastungen auf die menschliche Gesundheit untersucht. Diese Studien bilden auch die Grundlage für die von der Weltgesundheitsorganisation empfohlenen Grenzwerte (z.B. Kohortenstudie NRW). Großstudien an 97.932 Kindern zeigten, dass die Wahrscheinlichkeit für die Neuentstehung einer Asthmaerkrankung für eine Zunahme der Stickstoffdioxid-Konzentration um 19 Mikrogramm je Kubikmeter um jeweils 13 Prozent erhöht war. Die Autoren sehen dies als klaren Hinweis, dass eine Langzeit-Stickstoffdioxid-Belastung mit der Asthmaentstehung verknüpft ist. Der Zusammenhang der Gesamtsterblichkeit und Langzeitbelastung durch Luftverschmutzung wurde 2013 auf Basis der Daten von drei Millionen Personen im Zeitraum 1972 bis 2010 publiziert. Die Autoren berechneten das mittlere Mortalitätsrisiko und stellten fest, dass eine Erhöhung der Langzeit-Stickstoffdioxid-Belastung um zehn Mikrogramm pro Kubikmeter zu einer Erhöhung der Gesamtsterblichkeit um fünf Prozent führt.


3. Wie hoch ist die Belastung mit Stickstoffdioxid im Nahbereich der Stadtautobahn?

Die seit 16. Oktober 2013 zusätzlich aufgestellte fixe Luftgütestation an der Stadtautobahn zeigt im Vergleich zu den anderen verkehrsnahen Messstellen des Landes einen ähnlichen Tagesgang der Stickstoffdioxid-Konzentration. Seit Einführung des flexiblen Tempolimits sinkt diese Konzentration stetig.


4. Wer sind die Verursacher von Stickstoffoxiden?

Die überwiegende Quelle für Stickstoffoxide im Land Salzburg ist der Straßenverkehr, insbesondere sind dies dieselbetriebene Motoren. Im Land Salzburg hat der Straßenverkehr (inklusive Off-Road) einen Anteil von 66 Prozent. Zweitgrößte Emissionsquelle ist die Industrie mit 17 Prozent. In Gebieten mit Grenzwertüberschreitungen (Nahbereich hochbelasteter Straßen) ist der Straßenverkehr zu 80 bis 90 Prozent die Hauptquelle, da die Fahrzeuge ihre Abgase unmittelbar in Bodennähe ausstoßen. Die Abgase der Industriebetriebe werden über hohe Schornsteine an die Umwelt abgegeben, sodass sich diese bis zum Auftreffen in Bodennähe stark verdünnen. Im Nahbereich hochbelasteter Straßen machen die Abgase der Industrie nur noch wenige Prozente aus. Ebenso zeigten Messungen im Bereich des Salzburger Flughafens, dass der Flugverkehr keine messbaren Auswirkungen auf die Luftqualität hat. Dies bestätigen auch Messungen an anderen Flughäfen (z.B. Flughafen Frankfurt).


5. Sind neue Fahrzeuge nicht schon sehr sauber?

Bei Kohlenmonoxid, Kohlenwasserstoffen und Dieselruß sind große Fortschritte durch verbesserte Motorentechnik (z.B. Drei-Wege-Katalysator beim Ottomotor, Partikelfilter) erzielt worden. Dieser Fortschritt ist auch messbar.

Bei den Stickstoffoxiden hingegen hat sich bei Diesel-Pkws in den vergangenen 20 Jahren kaum ein Fortschritt gezeigt. Mehrere nationale und internationale Studien belegen, dass die am Prüfstand gemessenen NOx-Werte moderner Diesel-Pkw im realen Fahrbetrieb bei weitem nicht eingehalten werden. Neue Euro-6 Diesel-Pkw emittieren auf der Straße um ein Vielfaches mehr an giftigen Stickstoffoxiden als gesetzlich erlaubt. Neben dem Volkswagen-Konzern, der zugegebenermaßen eine illegale Software weltweit in rund elf Millionen Diesel-Fahrzeugen eingebaut hat, stehen auch andere Autohersteller im Fokus von Ermittlungen. Bei Prüfungen durch das deutsche Kraftfahrt-Bundesamt zeigte sich, dass bei einigen Automodellen die Abgasreinigung nach 22 Minuten vollständig abgeschaltet wurde (Hinweis: der offizielle Prüfzyklus dauert 20 Minuten). Auch die Ausnutzung des sogenannten Thermofensters wird von vielen Autoherstellern sehr großzügig genutzt. So wird z.B. bei einzelnen Modellen die Abgasreinigung unter 17 Grad Außentemperatur heruntergefahren, um, wie der Hersteller betont, den Motor zu schützten. Das würde für Salzburg bedeuten, dass die Abgasreinigung dieses Fahrzeugs nur an 25 Prozent der Zeit im Jahr funktioniert und vor allem dann nicht, wenn es am wichtigsten wäre: im Winter bei tiefen Temperaturen, wenn Inversionen die Schadstoffe ansteigen lassen.


6. Was bringt Tempo 80/100?

Das Handbuch für Emissionsfaktoren (HBEFA) wurde ursprünglich im Auftrag der Umweltbundesämter von Deutschland, der Schweiz und Österreich erstellt. Inzwischen wird HBEFA von weiteren Ländern (Schweden, Norwegen, Frankreich) wie auch von JRC (Joint Research Center der Europäischen Kommission) unterstützt. HBEFA stellt Emissionsfaktoren für die gängigsten Fahrzeugtypen zur Verfügung (Pkw, leichte und schwere Nutzfahrzeuge, Linien- und Reisebusse sowie Motorräder), differenziert nach Emissionskonzepten (Euro 0 bis Euro 6) sowie nach verschiedenen Verkehrssituationen. HBEFA liefert Emissionsfaktoren für alle reglementierten sowie für eine Reihe von nicht-reglementierten Schadstoffen, einschließlich CO2 und Kraftstoffverbrauch. Die Stickstoffoxid-Emissionen sind stark von der gefahrenen Geschwindigkeit abhängig. Zwischen Fahrgeschwindigkeiten von 80 km/h und 100 km/h sind deutliche Unterschiede ersichtlich. Bei der durchschnittlichen Pkw-Flotte steigen die NOx-Emissionen um zirka 21 Prozent, bei den leichten Nutzfahrzeugen (z.B. Kleinlaster, Kastenwägen) sogar um 43 Prozent. Geringere Geschwindigkeiten wirken sich auch positiv auf das Klimagas CO2 aus. Bei Tempo 80 werden beim Treibstoff zirka sechs Prozent beim Pkw und zwölf Prozent bei den leichten Nutzfahrzeugen gegenüber Tempo 100 eingespart. Auch die Spritsparexperten von ÖAMTC und ARBÖ geben folgenden Tipp: mit möglichst geringer Drehzahl im höchsten Gang fahren.


7. Welche Maßnahmen wären alternativ möglich?

Gemäß Paragraf 14 Immissionsschutzgesetz-Luft (IG-L) können folgende Maßnahmen für Kraftfahrzeuge oder für bestimmte Gruppen von Kraftfahrzeugen angeordnet werden:

  • Geschwindigkeitsbeschränkungen
  • zeitliche sowie räumliche Fahrverbote wie
    • Verbot für Kraftfahrzeuge mit bestimmter Abgasklasse
    • Verbote für Kraftfahrzeuge mit bestimmten Ladungen
    • Fahrverbote für bestimmte Tage oder bestimmte Tageszeiten
    • Anordnungen für den ruhenden Verkehr


8. Sind nicht auch die Lkw schuld an der schlechten Luft?

Selbstverständlich tragen auch die Lkw massiv zur hohen Stickstoffdioxid-Belastung bei. Im Jahr 2011 wurde in einer Studie ein Nachtfahrverbot für Lkw untersucht. Das grundsätzliche Problem eines Nachtfahrverbots ist, dass die Emissionen nicht verringert, sondern nur zeitlich in die Morgenstunden verlagert werden. Dadurch kommt es in der Früh, wenn ohnehin schon viele Pendler unterwegs sind, zu zusätzlichen Lkw-Fahrten. Es wurde daher von dieser Maßnahme Abstand genommen und andere Maßnahmen wie Förderungen von Gleisanschlüssen (Transportverlagerung auf die Schiene) sowie Förderungen von modernsten Lkw getroffen. Eine Geschwindigkeitsreduktion für Lkw von 80 km/h auf 60 km/h ist für den Ausstoß von Stickstoffoxiden kontraproduktiv, da sich diese sogar leicht erhöhen. Laut HBEFA ist der Stickstoffoxid-Ausstoß bei Lkw zwischen 80 und 86 km/h optimal.


9. Bedeutet schneller nicht auch weniger Luftschadstoffe, da ich kürzer unterwegs bin?

Dies ist eine weit verbreitete Meinung, die aber nicht zutreffend ist. Im Gegenteil, auf Grund des steigenden Luftwiderstandes steigen auch der erforderliche Energieaufwand und somit die Emissionen eines Fahrzeugs mit zunehmender Geschwindigkeit. Die Emissionen werden immer in g/km (Gramm pro gefahrenem Kilometer) angegeben. Dieser Wert nimmt mit der Geschwindigkeit überproportional zu: Höhere Geschwindigkeiten bedeuten mehr Schadstoffe auf der gleichen Strecke. Dies trifft ebenso auf den Treibstoffverbrauch zu (allerdings nicht in diesem Ausmaß), der auch in Liter pro Kilometer und nicht in Liter pro Stunde angegeben wird.


10. Wie groß ist der Zeitverlust für Autofahrer bei einer Geschwindigkeitsbeschränkung auf 80 km/h im Bereich des IG-L?

Der Zeitverlust beträgt etwa 1,5 Minuten. Dies ist im Vergleich zu anderen Maßnahmen kein größerer Eingriff in bestehende Rechte. Ohne Geschwindigkeitsbeschränkung wären andere, weitreichendere Maßnahmen wie selektive Fahrverbote notwendig, um die Stickstoffdioxid-Belastung zu senken.


11. Wie wirkt sich das flexible Tempolimit auf die Unfallzahlen aus?

Die Auswertung der Unfallzahlen der Autobahnpolizei Anif zeigt einen deutlichen Rückgang (minus 17 Prozent) der gesamten Unfälle seit Einführung des flexiblen Tempolimits. Dies deckt sich auch gut mit den Erfahrungen aus anderen Städten, wie z.B. der Rückgang der Unfälle von 14 Prozent an der Braunschweiger Stadtautobahn seit Einführung von Tempo 80. Es kam aber zu einer Verschiebung der Unfallarten. Die Unfälle mit Fahrstreifenwechsel haben zugenommen, die Unfallarten "Schleuder-, Allein- oder sonstige Unfälle" haben deutlich abgenommen, sodass in Summe gesehen die Unfalle insgesamt abgenommen haben. Betrachtet man nur die Unfälle mit Personenschäden (Daten der Statistik Austria) so ist laut Auswertung der Landesstatistik die Wahrscheinlichkeit für einen Unfall mit Personenschaden bei Tempo 100 rund doppelt so hoch wie bei Tempo 80.