5 Fragen an Michael Schmolke

Interview mit dem René-Marcic-Preisträger 2003

Em.o. Univ.-Prof. Dr. Michael Schmolke arbeitete von 1973 bis 2002 als Professor am Institut für Publistik und Kommunikationswissenschaft der Universität Salzburg, davon 23 Jahre als Institutsvorstand. Es ist selber René-Marcic-Preisträger (2003) und zudem langjähriges Mitglied der René-Marcic-Preis-Jury, deren Vorsitz er von 2006 bis 2019 innehatte.

Was ist dran an der immer wieder aufflammenden Diskussion über den Namensgeber des Preises und seine angebliche NS-Vergangenheit?


Schmolke: Die Diskussion über René Marcic entzündete sich primär an Gedanken, die er in einer differenzierten Polemik gegen Peter de Mendelssohn in der Weihnachtsausgabe 1949 der Salzburger Nachrichten veröffentlicht hat: wer über Gott und das Gebet Spott treibe, dürfe sich nicht wundern, wenn er eines Tages „in die Gaskammer gesteckt“ werde. Außerdem warf man ihm vor, er habe sich für die Rechte ehemaliger Nationalsozialisten eingesetzt und schließlich habe er während des zweiten Weltkriegs für das Wiener Generalkonsulat des kroatischen Ustascha-Regimes gearbeitet.


Sie wurden ja bereits im Jahr 2007 als Juryvorsitzender von der damaligen Landeshauptfrau Gabi Burgstaller beauftragt, die Vorwürfe zu prüfen. Mit welchem Ergebnis?


Schmolke: In den Karfreitagsbetrachtungen 1967 (SN) und in dem 1968 von A. Massiczek herausgegebenen Sammelband „Antisemitismus" hat Marcic alle sich betroffen Fühlenden, allen voran Peter de Mendelssohn, öffentlich um Verzeihung gebeten. 2007 wurden Marcic betreffende Vorwürfe an die Salzburger Landeshauptfrau Gabi Burgstaller herangetragen. Sie beauftragte am 13. März 2007 den Vorsitzenden der Jury damit, die Angelegenheit zu prüfen. Er zog Dr. Regine Bogensberger („Furche") als Mitarbeiterin heran:  Der Endbericht vom 14.11.2007 wurde auch im Salzburger Jahrbuch für Politik 2007 publiziert. Ergebnisse waren unter anderem: 

  • Laut SN-Analyse keine weiteren antisemitischen Marcic-Beiträge, keine Sympathien mit dem NS-Regime.
  • Marcic stand drei Mal im Dienst des kroatischen Regimes: 1943 fünf Monate lang beim Generalkonsulat Wien als Betreuer des Kulturreferats; 1943/44 14 Monate als Sekretär des Leiters der Zivilverwaltung für Dalmatien und um die Jahreswende 1944/45 nochmals beim Wiener Generalkonsulat für vier Monate als Presseattaché.
  • Er war nicht NSDAP-Mitglied.
  • Namhafte Kollegen (u.a. Erika Weinzierl, Norbert Leser, Otto B. Roegele, Michael Fischer) würdigten Marcic als integre Persönlichkeit.


2016 hat sich der Historiker Dr. Siegfried Göllner in einem Aufsatz mit dem Journalismus im Nachkriegs-Salzburg und auch mit René Marcic beschäftigt. Gibt es darin neue Erkenntnisse?


Schmolke: Göllner hat, wie schon der Bericht an die Landeshauptfrau, auf einige Forschungsdesiderate und (neu) auf eine Diskrepanz hingewiesen: Marcic bezeichnet sich in einem Lebenslauf (1959, Antrag auf Lehrbefugnis; Unterrichtsministerium) als (ehemaliger) Angestellter, während er in einem anderen seiner Lebensläufe angibt, als Mitarbeiter auf Honorarbasis beim kroatischen Generalkonsulat gearbeitet zu haben.

Wie ist der aktuelle Forschungsstand?


Schmolke: In der Abteilung Politikwissenschaft des Fachbereichs Politikwissenschaft und Soziologie der Universität Salzburg wird an einer Geschichte der Politikwissenschaft in Salzburg gearbeitet. An deren Gründung hat Marcic wesentlich mitgewirkt. Zu ihm seien noch weitere kroatische Quellen auszuwerten.


Derzeit also kein Anlass, etwas am Preis und dessen Namen zu ändern?


Schmolke: Zur Zeit sind mir weder neue Quellen noch Forschungsergebnisse bekannt, die Anlass geben könnten, etwas am René Marcic-Preis und/oder an seinem Namen zu ändern. Neu und in ständiger Veränderung begriffen ist hingegen das Sachgebiet der publizistischen Leistungen, woraus sich auch Änderungen für den Preis ergeben könnten.