Autor:
Gerhard Scheidler,
Fotos:
Melanie Hutter, Höhenarbeit GmbH
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Sicherheit

Vorsicht, diese Männer sind geladen!

Sie hantieren mit hochexplosivem Material, hängen sich aus Hubschraubern und nähern sich drohenden Lawinen: die Sprengmeister des Landes, die immer dann zum Einsatz kommen, wenn die weiße Gefahr lauert. In einem schneereichen Winter können sie ihre ganze Erfahrung – und Technik – auspacken, damit der Mensch auch mal die Lawine beherrscht, und nicht nur umgekehrt.
 

Der Trend geht allerdings mehr und mehr Richtung technik- anstatt menschbasierte Sprengungen. Das heißt: Automatische und vom Flugwetter unabhängige Sprenganlagen werden installiert. Denn: Es helfen die wagemutigsten Sprengexperten nichts, wenn man wegen Schlechtwetter nicht zur Gefahrenstelle fliegen kann.

Moderne Sprenganlagen machen sich bezahlt

Solche Anlagen haben sich in diesem Winter bereits bezahlt gemacht. Sowohl die Gadenstättlawine am Eingang zum Saalachtal als auch die Bruderhoflawine in Rauris haben immer wieder für Straßensperren gesorgt. Bei den heftigen Schneefällen Anfang Jänner wurden sie per Fernzündung weggesprengt. Gefahr erkannt – Gefahr gebannt.

Drohne gegen Lawinengefahr

Viel Expertise und neue Erkenntnisse holt sich das Land Salzburg auch von der Firma Höhenarbeit. Die Landesgeologie arbeitet dabei mit Philipp Knab aus St. Veit im Pongau zusammen, wie zum Beispiel im Oktober des Vorjahres bei der vorsorglichen Sprengung eines instabilen Felsblocks auf der Bischofsmütze. Letzter Schrei im Angebot moderner Sprengmethoden: die Drohne. Entscheidender Vorteil: „Es muss sich niemand mehr in den Gefahrenbereich begeben“, so Philipp Knab. Dabei wird die Sprengladung an einem langen Seil an die Drohne angehängt. Diese wird ferngesteuert hoch über das Ziel gelenkt und die Ladung in der gewünschten Höhe über der Schneedecke gezündet. Das erzielt ein bis zu vier Mal besseres Ergebnis als bei einer Zündung im Schnee.

Schadenspotenzial schon vorher abschätzen

Knab und seine Drohnen stehen auch bei einem Projekt mit der Österreichischen Forschungsförderungsgesellschaft FFG im Mittelpunkt. Künftig sollen das Ausmaß von Lawinen und das Schadenspotenzial schon vorab bestimmt werden können. Ermöglicht wird das durch 3D-Profile, die mithilfe von Drohnenaufnahmen erstellt werden. Gestartet wurde das Projekt mit Aufnahmen vom Gebiet rund um die Großglockner Hochalpenstraße. „Letztendlich kann mithilfe der Aufnahmen und den daraus resultierenden Einschätzungen bestimmt werden, ob eine Lawine gezielt durch Sprengung ausgelöst werden soll oder ob man Gebiete und Straßen sperren kann“, sagt Knab.

Je mehr Informationen für die schwierigen Entscheidungen der Lawinenwarnkommissionen vorhanden sind, desto besser.
Gerald Valentin, Landesgeologischer Dienst

Welche Sprengung darf es denn sein?

Zahlreiche Methoden stehen bei Lawinensprengungen zur Verfügung. Große Vorteile haben fix montierte Gaskanonen: Sie sind sichtunabhängig, schwenkbar, um die Richtung des Abwurfs variieren zu können, können per Funk ausgelöst werden, und bei der Wiederbefüllung hantiert man nicht direkt mit Sprengstoff. Dafür muss ein 800-Liter-Gasbehälter per Hubschrauber zur Anlage hingeflogen werden.

Hochexplosiver Flug

Bei fest montierten Sprengmasten werden über Fernzündung einzelne Sprengladungen aus einem Rohr geworfen. Diese bleiben an einer Schnur hängen und explodieren knapp über der Schneedecke. Der Nachteil: Auch diese Anlagen müssen per Hubschrauber-Flug nachgeladen werden, aber in diesem Fall transportiert man eine sprengfertige Ladung.

Sprengseilbahnen sichern Skipisten

Bei dieser Methode wird eine Sprengladung auf ein fixiertes Seil angebracht. Dies wird angewendet, wenn Lawinen auf gesicherte Skipisten herunterzukommen drohen.

Die ultimative Herausforderung: Sprengen aus dem Hubschrauber

In vielen Gebieten bleibt derzeit nur noch der Abwurf des Sprengmaterials aus dem Hubschrauber. Ausreichende Sicht ist dabei unerlässlich – erstens für den Flug und zweitens, um die richtige Abwurfstelle zu erkennen. Dabei nähert sich der Hubschrauber auf rund zehn Metern der Schneedecke, der Sprengmeister –gesichert im Hubschrauber-Innenraum – zündet den Sprengstoff, der dann im Schnee explodiert. Nervös muss man dabei nicht werden, die Brenndauer beträgt zwei Minuten.

Zurück zu den Wurzeln

So gut wie gar nicht mehr zum Einsatz kommt die Methode nach dem Motto „Zurück zu den Wurzeln“. Dabei stapft der Sprengmeister tatsächlich zu Fuß oder fährt per Ski möglichst nahe zur betroffenen Stelle und wirft das Dynamit, wenn möglich von einer Anhöhe. „Nur kommt man selten nahe genug, weil diese Stellen schwierig zu erreichen sind. Und außerdem befindet man sich ja selber im gefährdeten Gebiet“, erklärt Sprengmeister Josef Mitterer.

Wenn wir Drohnen einsetzen können, dann muss sich niemand in Gefahr begeben.
Philipp Knab, Höhenarbeit GmbH

Lawinit: Nomen est omen

Verwendet wird handelsüblicher Sprengstoff. Lawinit bietet aufgrund seiner besonderen Kälte- und Feuchtigkeitsresistenz eine extrem hohe Handhabungssicherheit.

Was geht ab?

Die Sprengung einer Lawine ist nicht unbedingt Ziel jeder Aktion. Falls die Lawine trotz Explosion nicht abgeht, kann man sichergehen, dass die Schneedecke stabil genug ist und keine Lawinengefährdung vorliegt.

Die Zeit liegt auf der Straße

Eine Sprengung wird übrigens vom jeweiligen Bedarfsträger beauftragt, das sind oft Straßenerhalter wie das Land oder eine Gemeinde. Bei der Frage nach Straßensperre oder Sprengung wird dabei die örtliche Lawinenwarnkommission zu Rate gezogen. „Denn tatsächlich geht es um die Frage, ob man die Straße gesperrt hält, weil sich eine Lawine jederzeit auslösen kann, oder ob man die Lawine eben gezielt auslöst und danach die Straße wieder freigeben kann“, erklärt Katastrophenschutzexperte Norbert Altenhofer. REP_200601_50 (grs/mel)

Sicherheit; Pinzgau; Pongau
Info

Neue Lawinensprenganlagen:

  • L111 Glemmtaler Landesstraße, zwischen Viehhofen und Maishofen am Eingang zum Saalachtal: zwei Sprengmasten neu errichtet
  • L112 Rauriser Landesstraße, bei der Bruderhoflawine in Rauris: ein Sprengmasten neu errichtet
  • B311 Pinzgauer Straße, beim Kraftwerk Dießbach zwischen Saalfelden und Weißbach: eine Gassprenganlage nach Reparaturarbeiten wieder in Betrieb genommen
  • L252 Zauchensee Landesstraße, am Strimskogel bei Altenmarkt: Errichtung einer Sprenganlage geplant.
  • B311 Pinzgauer Straße, zwischen Saalfelden und Weißbach bei Lofer, im Bereich Schottergrube und Brandlhof: Errichtung von drei Sprengmasten geplant.
  • B164 Hochkönig Straße, Lauskopflawine am Filzensattel: Errichtung einer Sprenganlage geplant.