Autor:
Gerhard Scheidler,
Fotos:
Melanie Hutter (2), Franz Neumayr
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Gesundheit

Tschernobyl ist im Gedächtnis

Es sieht zunächst aus wie gemütliche Gartenarbeit: Mit einer Blumenschere schneidet ein Mann mit Handschuhen ein Büschel Gras. Aber was dann passiert, lässt den Ernst der Sache erkennen: In diesem Büschel Gras befinden sich messbare Spuren von Cäsium, einem radioaktiven Element. Noch immer Nachwehen des Reaktorunfalls in Tschernobyl 1986. Die Werte werden mit Argusaugen beobachtet.
 

Wir befinden uns im RMLS, im radiologischen Messlabor des Landes an der Universität Salzburg: Die Grasprobe wird getrocknet und kommt in den Gammastrahlen-Spektrometer – ein hochsensibles Gerät, das auch 30 Jahre nach Tschernobyl noch radioaktive Strahlung nachweisen kann. Dass Salzburg vom radioaktiven Niederschlag aus dem Reaktorunfall am 26. April 1986 viel abbekommen hat, ist erwiesen.

Halbwertszeit des Vergessens

Die Messung beschränkt sich mittlerweile auf das langlebige Cäsium. Alle anderen Nuklide, die in bedeutenden Konzentrationen vorhanden waren, sind bereits zerfallen. „Die Cäsium-Strahlung wird auch in 150 bis 200 Jahren noch messbar sein“, sagt Laborleiter Herbert Lettner, „auch wenn es dann nur mehr etwa ein Prozent der ursprünglichen Menge sein wird.“ Cäsium hat eine Halbwertszeit von 30 Jahren. „Aber leider“, so Lettner, „ist die Halbwertszeit des Vergessens viel kürzer.“

 Unbenannt ‭[2]‬

Cäsium hat eine Halbwertszeit von 30 Jahren. Die Halbwertszeit des Vergessens ist leider viel kürzer.
Herbert Lettner, Laborleiter

Bewusstsein der Gefahr geht schnell verloren

Was der Professor damit meint? Das Bewusstsein um die Gefährlichkeit radioaktiver Strahlung gehe nach Zwischenfällen und Katastrophen zu schnell verloren – und damit auch das Wissen um die Bedeutung des Labors und seines in Österreich einzigartigen Fachwissens. Tschernobyl 1986 war auch der Anlass für seine Gründung. Heute ist es bundesweit die einzige Einrichtung auf Universitätsebene, in der nicht nur gemessen, sondern auch geforscht wird.

„Almen-Phänomen“ gibt Forschern Rätsel auf

Zum Beispiel gibt ein bestimmtes Phänomen dem Labor-Team seit einigen Jahren ein Forschungsrätsel auf: Die effektiven Halbwertszeiten von Cäsium liegen in Almgebieten in den Hohen Tauern zwischen fünf und 20 Jahren. In intensiv landwirtschaftlich genutzten Gebieten in Tallagen und im Flachland liegen sie bei nur ein bis zwei Jahren. Effektive Halbwertszeiten sind jene, die in der Kontamination der Milch beobachtet werden. „Trotzdem unbedenklich, alles unter den gesetzlichen Grenzwerten“, beruhigt Lettner. Die Frage nach dem Warum ist aber von großem wissenschaftlichem Interesse. Nicht alle Gründe sind bekannt. Die niedrigen pH-Werte im Boden, der hohe organische Anteil und der geringe Tonmineralgehalt sind jedenfalls einige der Ursachen.

Wir müssen für die Zukunft gerüstet sein, denn Österreich ist von Atomkraftwerken umgeben.
Landeshauptmann-Stellvertreter Christian Stöckl

Gletschersedimente „speichern“ Strahlung

Auf eine weitere Auffälligkeit ist man zufällig gestoßen, bei einer Gletschertour. Aus Neugierde nahmen Lettner und seine Kollegen einige Proben Kryokonite mit ins Labor. Ergebnis: In diesen Gletschersedimenten kommen die höchsten Konzentrationen an Radioaktivität unter allen Trägern in der Umwelt vor, „teilweise so hoch, dass man für die Handhabung mit diesem Material eine gesetzlich vorgeschriebene Strahlenschutzbewilligung benötigen würde“, ist Lettner nach wie vor erstaunt über die Erkenntnis.

Wichtiger Partner im Strahlenalarmplan

Herbert Lettner wird Ende 2021 in Pension gehen, rechtzeitig soll eine Nachfolge gefunden werden. Zu tun gäbe es genug: neben den regelmäßigen Messungen und Forschungsprojekten auch in Katastrophenfällen. „Das RMLS ist ein zentraler Partner im Strahlenalarmplan des Landes. Eine Weiterführung in Kooperation mit der Universität ist daher von großem Interesse“, bestätigt Landeshauptmann-Stellvertreter Christian Stöckl. REP_200529_50 (grs/mel)

Umwelt; Stöckl; Sicherheit; Forschung; Gesundheit
Info

So läuft die Probenentnahme im Katastrophenfall ab

  • Teams werden ins ganze Land entsendet.
  • Sie sammeln Grasproben, Erde und, wenn vorhanden, Schnee.
  • Unter strengen Regeln transportieren sie die Proben ins Labor.
  • Dort werden sie auf radioaktive Kontamination untersucht.
  • Das Land Salzburg mit den Fachleuten aus Landwirtschaft, Umweltschutz, Gesundheit und Katastrophenschutz arbeitet dabei mit dem RMLS und der Österreichischen Agentur für Ernährungssicherheit (AGES) in Linz zusammen.
  • Involviert sind auch das Bundesministerium für Nachhaltigkeit und Tourismus sowie das Innenministerium.

„Die Messergebnisse sind im Ernstfall die Grundlage für wichtige Entscheidungen: ob man das Vieh weiter auf die Weide lassen darf, ob die Kinder im Freien spielen dürfen oder ob Saatgut noch verwendet werden kann“, so Norbert Altenhofer, Leiter der Stabsstelle Sicherheit und Katastrophenschutz.