Autor:
Gerhard Scheidler,
Fotos:
Franz Neumayr
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Natur

Harte Schale, aber gefährdete Art

Der Steinkrebs war einmal eine Salzburger Spezialität, die so schmackhaft war, dass sie nur den Fürsterzbischöfen vorbehalten blieb. Außerdem war er in rauen Mengen vorhanden. Heute ist er vom Aussterben bedroht. Ein Projekt zur Wiederansiedlung gab jetzt 150 Steinkrebsen eine neue Heimat im Sandbach in Großgmain auf dem Gelände des Freilichtmuseums. Am Abschlusstag setzten Schülerinnen und Schüler des Salzburger Herz-Jesu-Gymnasiums 20 Exemplare dieser bedrohten Art aus – und hatten großen Spaß dabei.
 

„Die sind gar nicht eklig, die sind süß!" Direkt lieb gewonnen haben die Kinder die 20 Steinkrebse in den nur kurzen Momenten, in denen sie die kleinen Tiere in der Hand halten dürfen. Denn sogleich müssen sie die gepanzerten Lebewesen wieder in ihre neue Heimat entlassen, sprich: eigenhändig im Sandbach aussetzen.

Motto: Willkommen in der Heimat!

Die Wiederansiedlung ist ein Projekt des Freilichtmuseums und wurde im Herbst 2019 ins Leben gerufen, in Kooperation mit dem Grundeigentümer Forstverwaltung Mayr-Melnhof „und mit Unterstützung der Naturschutzabteilung des Landes", wie Landesrätin Maria Hutter erklärt. Der Sandbach in Großgmain gehört zum Natura-2000-Schutzgebiet „Untersberg-Vorland".

Ein „Wohnzimmer" für die Steinkrebse

Zunächst schuf man den passenden Lebensraum für den Steinkrebs: Kahle Uferlinien wurden bepflanzt und Absperrungen errichtet. Wandert man nun den Sandbach entlang, so kann man viele durch den Menschen geschaffene Staubereiche und Wehre entdecken. Diese halten den Wildbach unter Kontrolle und verschaffen dem Steinkrebs ein geeignetes, ruhiges Habitat, um seine Wohnhöhlen im Gewässer zu errichten. Dann wurden die Krebse in zeitlichen Abständen an geeigneten Stellen im Bach ausgesetzt und die Entwicklung des Bestands dokumentiert.


Es zappelt, und es wurlt. Das Tier ist natürlich aufgeregt. Jetzt hoffen wir, dass sich die Steinkrebse hier wiederansiedeln.
Landesrätin Maria Hutter
Eine vollkommene Erholung des Bestands ist in fünf bis zehn Jahren zu erwarten.
Biologe Stefan Brameshuber
Sie sollen sich hier wohl fühlen, vermehren und von der Krebspest verschont bleiben.
Paul, 13 Jahre, Schüler im Herz-Jesu-Gymnasium

 

Vor knapp drei Jahren löschte die Krebspest, eine Pilzinfektion, die gesamte Population im Sandbach aus. Die Ursache bleibt bis heute ungeklärt. Möglich ist, dass durch das Fell von Wildtieren oder das nasse Gefieder von Vögeln Pilzsporen aus einem anderen Gewässer in den Sandbach gebracht wurde. Nach einem aufwändigen Monitoring steht jedoch fest: Der Bach ist zu 100 Prozent frei von Krebspest-Sporen.

Für Menschen ungefährlich, für Krebse tödlich

Das bestätigt auch Biologe Stefan Brameshuber: „Der Pilz ist für Menschen und andere Tiere ungefährlich. Aber für Krebse gibt es kein Entkommen. Einmal infiziert, tötet der Pilz jeden." Abhilfe gegen die Erreger gibt es bisher keine, die Verbreitung geht schnell, die Sporen sind hochansteckend. „Die Übertragung passiert, wenn man nur von einem Gewässer ins andere geht", so der Experte, zum Beispiel durch verunreinigte Stiefel, Kleidung oder sogar über das Fell von Hunden.

Pilz macht kurzen Prozess

Der Pilz bohrt sich durch den Panzer und tötet den Krebs. Kurz nach der Infektion setzt bei den Krebsen der Fluchtreflex aus, sie kratzen sich an Augen und Gliedmaßen. Dann kommt es zu Lähmungserscheinungen, die Gliedmaßen fallen ab, und die Krebse kippen seitlich um. Nach sechs Tagen sind sie tot.

Eingeschleppter Pilz aus dem 19. Jahrhundert

Generell wurde die tödliche Pilzkrankheit im 19. Jahrhundert durch Schiffe und im 20. Jahrhundert durch die Einführung des Signalkrebses aus Nordamerika in Europa eingeschleppt. Der Pilz hat sich schnell in fast allen Gewässern ausgebreitet. Im Falle des Sandbachs konnte durch umfangreiche Untersuchungen ein Eindringen des Signalkrebses aber ausgeschlossen werden.

Unsichtbar, aber nicht unverwundbar

Gleich nach dem Aussetzen suchen sich die flinken Gliederfüßer mit ruckartigen Bewegungen rasch ihre Verstecke unter kleinen Steinen und können kaum mehr gesichtet werden. Obwohl sich die Steinkrebse im Gewässer fast unsichtbar machen, eine neuerliche Infektion durch die tückische Pilzerkrankung wäre trotzdem wieder tödlich.

So leben die nachtaktiven Steinkrebse

Deshalb legen die Projektbetreuer ihr Augenmerk auf Aufklärung und Besucherlenkung. „Es reicht nicht, die Krebse auszusetzen. Sie sollen sich ja auch fortpflanzen. Deshalb ist ein Bündel an Maßnahmen notwendig", erklärt Stefan Brameshuber. Für Frank Diehl von der Forstverwaltung Mayr-Melnhof ist wichtig, „dass die Menschen wissen, was in ihrer unmittelbaren Umgebung noch an Natur vorhanden ist und welche Gefahren bestehen". Bei abendlichen Exkursionen und mit Schautafeln im Freilichtmuseum wird künftig Besucherinnen und Besuchern jeden Alters das Wissen darüber vermittelt. Spannende Einblicke in Lebensweise und Lebensraum der nachtaktiven Tiere sind dabei garantiert. Holzzäune an einigen Stellen des Baches signalisieren, dass man nicht ins Wasser steigen soll. REP_201007_50 (grs/mel)

Natur; Flachgau; Hutter
Info

Kleiner Biologie-Unterricht

  • Der Steinkrebs heißt mit lateinischem Namen Austropotamobius torrentium.
  • Er ist die kleinste in Europa heimische Flusskrebsart.
  • Charakteristisch ist die oliv-braungrüne Färbung und die stark gekörnten Scheren.
  • Er kann bis zu zehn Zentimeter Körpergröße erreichen und wird fünf bis acht Jahre alt.
  • Die Nahrung besteht aus Kleinlebewesen wie Insektenlarven, Schnecken und Fischkadavern.
  • Krebspest ist ein Pilz namens Aphanomyces astaci.
  • Nur die aus Nordamerika eingeführten Signalkrebse sind gegen diese Pest immun.

 

Ausflug in die Historie

  • Rüstung der Scherenritter
    Als „Krebs" wurden ab dem 15. Jahrhundert Harnische und Teile von Ritterrüstungen bezeichnet. Die einzelnen Platten der Rüstung ließen sich, wie auch die einzelnen Körpersegmente bei den Flusskrebsen, gegeneinander verschieben, um so die Beweglichkeit zu erhöhen.
  • Reichhaltiger Speiseplan
    Steinkrebse waren früher in heimischen Gewässern in großer Anzahl vorhanden und galten am Hof der Fürsterzbischöfe als Delikatesse. Erste Dokumente finden sich in den historischen Aufzeichnungen der Fischereiverzeichnisse des Salzburger Erzstiftes aus dem 15. Jahrhundert. Die Krebse wurden in der Dämmerung und in der Nacht mit den Händen gefangen.
  • Begehrte Salzburger Krebse
    Bis zu 30.000 Krebse jährlich wurden allein aus dem Zeller See entnommen. Zum größten Teil wurden sie an den fürsterzbischöflichen Hof in Salzburg geliefert. Den Transport übernahmen Krebsträger – ein damals begehrter Beruf. Auf dem Weg nach Salzburg wurde eine Vielzahl an Krebsen gegen die Bestimmungen des Hofes unter der Hand verkauft. Die Träger konnten durch dieses „unbefugte Verhandeln" einen einträglichen Zusatzverdienst einstreifen.
  • Der Krebs als Wappentier
    Noch heute finden sich Zeugnisse der einst regen Krebswirtschaft: In vielen mittel- und nordeuropäischen Städten wurde der Krebs seit dem 13. Jahrhundert als Wappentier verwendet. Auch tragen zahlreiche Gewässer im deutschsprachigen Raum Bezeichnungen wie „Krebsbach", „Kroisbach" oder „Chräbsbach". Nur selten kann man in diesen Bächen heute noch heimische Flusskrebse finden.