Autor:
Melanie Hutter,
Fotos:
Melanie Hutter
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Salzburg

Salzburgs Gipfel der Gefühle

Bei schönem Wetter ein Traum in Weiß-Blau. Bei schlechtem Wetter ein Alptraum. Der Großvenediger ist Salzburgs höchster Gipfel, auf exakt 3.657 Meter Seehöhe. Nein, auf 3.666 Meter Seehöhe. Nein, doch nicht. Er ist 3.674 Meter hoch. Nicht einmal Wikipedia ist sich da sicher, denn das Eis fließt und schrumpft. Aktuell gelten die 3.657 Meter als offizielle Höhe. Noch bis vor wenigen Jahren stand das Gipfelkreuz auf einer Holzkonstruktion auf Eis und Schnee, jetzt ist der höchste Punkt eisfrei. Fest steht aber: Die weltalte Majestät - so nannte ihn Erstbesteiger Ignaz von Kürsinger - ist eine Legende aus Fels und Eis.
 

​Egal, wo man sich befindet, den Venediger erkennt man in den Hohen Tauern. Er gibt der Venedigergruppe den Namen, ragt mit seinen weißen, vergletscherten Flanken und der markanten Pyramide heraus. Ein Augenschmaus für die Bergfexe, ein Wadlbeißer für jene, die ihn besteigen wollen, egal ob von der Pinzgauer oder Osttiroler Seite. Die Salzburger tun dies meist über das Obersulzbachtal bei Neukirchen - der Ort wird auch erst durch seinen „Hausberg“ unverwechselbar. Kilometerweit geht es ins Herz des Nationaparks Hohe Tauern, erst die Talstation der Materialseilbahn der Kürsingerhütte verrät: Das ist nicht das Ende der Welt, da kommt noch mehr. Vor allem, weil schon hier der Nachbar in Form des Großen Geigers ahnen lässt, dass hohe Gipfel die Grenze zu Osttirol bilden.

Die weltalte Majestät!
Ignaz von Kürsinger

​Basecamp Kürsingerhütte

Ausgangspunkt für den Weg zuerst über Fels, dann zwischen Gletscherspalten und schießlich über die Eisflanken auf den Gipfel ist die Kürsingerhütte, benannt nach dem Erstbesteiger. Auf 2.558 Meter Seehöhe heißt es jetzt im Herbst früh aufstehen, die Unterkunft ist durch die Materialseilbahn und engagierten Hüttenleuten komfortabel. Um 5 Uhr ist vor allem im Herbst die ideale Zeit, um loszugehen, den Einstieg zum Gletscher erreicht man so ungefähr zur Dämmerung.

Hochalpine Gefahren

Volle Gletscherausrüstung und entsprechendes Wissen sind Pflicht, wenn man die kumuliert mehr als 1.200 Höhenmeter überwindet, die Spalten zeigen teils offen ihr blaues Herz, teils lauern sie unsichtbar unter der Schneedecke. Technisch ist der Großvenediger ein einfacher Gipfel, außer man nimmt ihn besonders sportlich über den Nordgrat in Angriff. Dennoch, es ist egal auf welcher Route keine Wanderung, sondern ein hochalpines Erlebnis. Ein ortskundiger Bergführer jedenfalls sorgt für Sicherheit und lässt den Venediger und all seine Geschichten zum Leben erwachen.

Die Venedigermandl und der trügerische Weitblick

Es gibt Geschichten wie zum Beispiel über die Venedigermandl, kleine Kobolde, die das Erz und die Edelsteine in den Hohen Tauern hüten und sehr zornig werden können, wenn jemand dem Berg gegenüber respektlos ist. Oder die Legende, dass man vom Gipfel bis nach Venedig sehen kann. Eine Theorie, die nicht standhält, außer es gibt den einen oder anderen Gipfelschnaps zu viel. Nein, dass wir als höchsten Salzburger einen Venediger haben, ist eher den Handelsleuten zu verdanken, die über die Hohen Tauern auf den Samerwegen regen, aber anstrengenden Güterverkehr betrieben. REP_200928_70 (mel)

Salzburg; Pinzgau