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Le Choix de Paris

Paris hat über die Epochen hinweg immer wieder Intellektuelle und Kunstschaffende aus aller Welt angezogen. An der „Cité Internationale des Arts” erhalten jährlich eine Vielzahl an internationalen Künstlerinnen und Künstlern die Möglichkeit in Paris zu arbeiten, die Stadt, ihre Bewohner und auch ihre Kunstszene kennen zu lernen.

Mit welchen Erwartungen und Vorstellungen tritt man hier ein Stipendium an und welchen Einfluss übt dieser tradtionsreiche und geschichtsträchtige Ort auf einen aus? Mit welchen Produktionsbedingungen und neuen Möglichkeiten ist man konfrontiert?

Die Ausstellung „La Choix de Paris“ versammelt die Arbeiten von Cité-Stipendiaten aus den verschiedensten Bereichen der bildenden Kunst; sie zeigt Werke, in denen die Künstlerinnen und Künstler, die selbst aus den unterschiedlichsten Ländern kommen, auf die Stadt reagieren, diese thematisieren und dabei Bezug auf ihren Aufenthalt in Paris nehmen, auf aktuelle Geschehnisse und Begebenheiten, auf die eigenen Erfahrungen und Erlebnisse.

Ovidiu Anton sammelt politische Graffitis und Statements im Stadtraum, entnimmt diese ihrem urbanen Gefüge. Er fotografiert die ab, projiziert das Foto wiederum auf Papier und erstellt ein Negativ des ursprünglichen  Wortbildes, indem er das Papier mit Kugelschreiber ausmalt. Durch diesen langwierigen Prozess der Reproduktion und die Form der Präsentation verleiht er der Aussage, die auf der Straße meist in wenigen Sekunden entsteht, einen anderen Wert und eine neue Bedeutung.

In einer ähnlicher Weise geht Franz Kapfer bei seinen Arbeiten vor. Für eine Serie von 24 schwarz-weiß-Zeichnungen erkundete er das von Ludwig XIV. zur Versorgung von Kriegsversehrten in Auftrag gegebene Hôtel des Invalides. Dessen 24 und jeweils unterschiedliche Fenster in Gestalt eines Soltaten-Torso, der gesichtlos in einer Rüstung steckt, wurden vom Künstler fotografiert, die Konturen auf Transparentpapier übertragen und so in einem Prozess der Aneignung aus ihrem Umfeld gelöst und hervorgehoben.

Anna-Sabina Zürrer eignet sich Dinge dadurch an, dass sie Fotos und Abbildungen einen chemikalischen oder physikalischen Prozess durchlaufen lässt, sie in einen anderen Aggregatszustand überführt, bei dem von dem Abgebildeten letztlich nur eine weiße Fläche zurückbleibt. Für „Dérive“ wurde so der Stadtplan von Paris in einer mühevollen Prozedur per Hand abgeschliffen.

In einer zweiten Arbeit geht sie dem Phänomen „La Jaconde“ nach. Grundlage ist dabei eines von mehreren Fotos, die Besucher des Louvre mit ihren Handys und Kameras von dem berühmten Gemälde aufgenommen und der Künstlerin zugeschickt haben. Stellvertrend wurde dieses eine Foto in einer Performance am Eröffnungsabend von der Künstlerin ausgewaschen.

Die ortspezifische Arbeit „Le Déluge  / The Great Flood” von Guillaume Aubry erstreckt sich über mehrere Stockwerke. Das sich in den Wannen befindliche Wasser stammt direkt aus der draußen vorbeifließenden Seine. Durch die Kapillarwirkung zieht es sich in einem fortlaufenden Prozess stündlich mehr in die Papierbahnen und damit in das Gebäude hinauf.

Die Zeichnung von Eva Chytilek zeigt  drei französische Baguettes, die ineinander verschlungen sind und zusammenwachsen, gestützt durch eine Konstruktion von drei Bleistiften. Der Titel, "L´Unité", spielt u.a. ironisch auf die Ominipräsenz der drei Schlagwörter Egalité, Fratérnité und Liberté an.

Alexandra Baumgartner arbeitet mit vorgefundenem Material. Für ihre Arbeiten, die während ihres Aufenhalts in Paris entstanden sind, wurden Fotos und Magazinausschnitte, die sie auf Pariser Flohmärkten gesucht oder teilweise sogar auf der Straße gefunden hat, verändert und verfremdet.

Takao Minami hingegen verfremdet Gegenstände aus seiner unmittelbaren Umgebung.

Für die Videoinstallation „Potted Plant“ verwendet er Videoaufnahmen einer Zimmerpflanze aus seinem Atelier, die mithilfe einer Roboterkamera aus 21 verschiedenen Perspektiven aufgenommen wurde. Die einzelnen Sequenzen werden jeweils auf Glasbausteine projiziert und lassen den uns vertrauten Gegenstand einerseits konkretes, andererseits abstrakte erscheinen.

Akiko Hoshina bedeckt in ihren Arbeiten Objekte mit Ton, die im Trocknungsprozess durch Komponenten wie Zeit, Temperatur und Luftfeuchtigkeit noch weiter verfremden werden. Das ursprüngliche Objekt durchläuft eine Metamorphose und erhält dadurch für die Künstlerin eine andere emotionale Zuschreibung. In der Ausstellung sind als Objekte die inzwischen nicht mehr verwendeten Schuhe ihres Freundes zu sehen, ebenso wie Briefe, die Akiko Hoshina während ihres Aufenthalts an der Cité internationale des Arts von April 2008 bis März 2009 erhalten hat. In Fotoarbeiten zeigt sie die Veränderung eines Kleides, das für sie mit einer unglücklichen Liebesgeschichte zu Beginn ihrer Zeit in Paris verbunden ist.

Charlene Shih teilt ihre Ansichten zu der Tatsache mit uns, dass sie – während ihres Aufenthalts an der Cité - 40 Jahre alt zu werden. Die Künstlerin hat dazu auch andere Stipendiatinnen zu weiblicher Identität, körperlichen Veränderungen und zum emotionalen Einschätzung hinsichtlich dieses markanten Datums befragt.

Catrin Bolt entzieht in ihrer Darstellung und Verwendung von Alltagsräumen und - gegenständen diese ihrer immanenten Funktion und macht sie dadurch anders wahrnehmbar. In den hier gezeigten Fotoarbeiten wird der einheitlich gestaltete Atelierraum  - gleichzeitig Produktionsstätte und Wohnraum - strapaziert und löst sich bildhaft fast auf. Eine exakte Definition wird dadurch unmöglich gemacht.

Sissa Micheli verfolgt während ihres Aufenthalts in Paris die Spuren des Schriftstellers, Kunsttheoretikers und Philosophen Walter Benjamin, der 28 Mal seinen Wohnort wechselte und dabei auch in Paris lebte. In den Arbeiten, die daraus entstanden, ist unter anderem ein Boot aus Umzugskartons zu sehen, das symbolisch auf ihrem Bett liegt, weiters Sessel und Tisch aus Karton - eine Art Wiederherstellung von Benjamins prekärer Lage und Wohnsituation, gleichzeitig aber ein Verweis auf die eigene Ateliersituation und das aus der Notwendigkeit heraus entstandene Mobiliar.

Der Slogan “il est interdit d´interdire” der Situationistischen Internationale, wie er während der Protestbewegungen im Mai ’68 oft im Pariser Stadtraum zu sehen war, wurde von Eva Engelbert dekonstruiert und dadurch unleserlich gemacht. Das abstrakte Wandbild wirft Fragen auf: Welche Lehren hat die Bewegung für die Gesellschaft hinterlassen? Haben die alten Wahrheiten noch Gehalt?

Auch in der gemeinsamen Arbeit von Eva Engelbert & Marie-Alice Schultz wird dieses Thema aufgegriffen und Studierende in Videointerviews nach ihrer Einschätzung zum heutigen Stellenwert der Bewegung befragt.

Ann Guillaume wird in ihrer Arbeit durch archäologische Objekte sowie Ausgrabungen und historische Mythen inspiriert. Für "Le Choix de Paris" stöberte die Künstlerin im Archiv der Cité des Arts und stieß dabei in einer  Liste der ersten Stipendiaten auf Katheryn Metz aus Amerika, die von 18.10.1965 bis 1.6.1966 hier zu Gast war. Doch seither sind zu dieser Frau keine weiteren Fakten mehr zu finden;  kein Dokument, keine Spuren im Internet. Eine Vitrine mit verschiedensten Artefakten greift diese Geschichte auf, eine Geschichte zwischen Realität, Fiktion und Spuk.

Maryse Larivière schildert ihre eigene Geschichte in Paris, bei der sie sich unter anderem mit der Entstehung der Psychoanalyse und mit Hysteriepatientinnen im Paris zu Beginn des 19. Jahrhunderts auseinander gesetzt hat.

Audrey Cottin knüpft mit ihrem Brief an ein Vorgespräch zur Ausstellung an.

Jakob  Emdal stellt mit „uncertain“ die Frage nach dem, was gewiss zu sein scheint und Sicherheit und Normalität vermittelt, in den Raum.

In ihrer Arbeit „i desperately wanted to do an artwork with living frogs“ erhebt Judith Pichlmüller das Scheitern eines künstlerischen Produktionsprozesses in einer fremden Stadt zur Kunstform. Zeit, Sprache, Ortskenntnisse, Gepflogenheiten und das Finden von Fachgeschäften sind einige der fehlenden Ressourcen, mit denen sich ein Künstler bei einem Auslandsaufenthalt konfrontiert sieht. So zeichnet der Audioguide die vergebliche Suche nach lebenden Delikatess-Fröschen in Paris in Form eines Sprachkurses nach. Denn wie die Künstlerin bei ihren Recherchen feststellen musste, ist der Frosch kein Franzose.

“mes chemins ne ressemblent jamais à vos plans” von Marie-Alice Schultz ist die Darstellung eines überdimensionalen Stadtplans, auf dem jedoch keine Straßennamen eingetragen sind. Vielmehr gibt er ein Verzeichnis des persönlichen Weges wieder, das was der Körper persönlich durchschritten und sich im Zuge des Erkundens und Eroberns eines neuen Lebensraums in Erinnerung behalten hat.  Aus dem Gedächtnis konstruieren sich Wege und Kreuzungen zu einer neuen Karte zusammen, deren Auslassungen als unbeschriebene weiße Flecken Freiräume ausloten und Platz für das Unvorhersehbare offen halten.

Einige der Arbeiten der Ausstellung setzen sich mit kulturellen Unterschieden, dem Gefühl des Fremdseins, der Frage nach der nationalen Zugehörigkeit und der eigenen Identität auseinander. Vanessa Safavi, Schweizerin mit multikulturellem Hintergrund, interessiert sich mit „Paris Syndrom“, einem Syndrom, das die Erwartungshaltungen und Reaktionen japanischer Touristen bei ihrem Parisbesuch beschreibt, für die Konfrontation zweier Kulturen.

Åsil Bøthun zeigt die Skulptur eines Perserteppich, wie er auch in Paris oft in Bürgerwohnung zu finden ist. Was wird hier verdeckt oder durch das Aufrollen des Teppichs aufgedeckt?

Auch der aus Peru stammende Pier Stockholm greift dieses Thema auf, indem er seine bisherigen, teils inoffiziellen Wohnorte in Paris protokolliert. Der Briefkasten als zentrales Artefakt seiner Installation „Diagramme Physique de ma Paranoïa Bureaucratique“ stellt für ihn dabei einen gleichbleibenden Faktor dar, Symbol für ein festes Zuhause, aber gleichzeitig auch Ankunftsort unglückverheißender behördlicher Nachrichten.

Özlem Sulak verwendet eine der in der Cité gebräuchlichen Ateliertüren, um in ihrer Arbeit „untitled“ den Sinn nationaler Zuordnungen zu hinterfragen.

Die Videoarbeit von Shingo Yoshida zeigt eine Performance, bei der sich der Künstler um 3 Uhr morgens vor der Immigrationsbehörde um eine Arbeitserlaubnis anstellt.

Zu hören ist dabei der chanson "Je suis venu chercher du travail" von Francis Bebey aus den 70er Jahren. Das Thema ist immer noch aktuell, die Problematik besteht nach wie vor.

Eine Ausstellung in Kooperation mit der Cité Internationale des Arts Paris, dem Land Salzburg, dem Österreichischen Kulturforum Paris, dem Bundesministerium für Unterricht Kunst und Kultur sowie internationalen Kooperationspartnern.



Franz Kapfer



Pier Stockholm



Alexandra Baumgartner



Marie-Alice Schulz



Eva Engelbert