Salzburger Landessammlungen: Provenienzforschung und Restitution



Inhaltsverzeichnis: Geschichte der Landesgalerie


Die Fahrten nach Paris


„Für den Pariser Kunstmarkt war der Krieg wie ein Geschenk des Himmels. ... Am stärksten wurde der französische Kunstmarkt während des Krieges durch den plötzlichen Ansturm zahlungskräftiger Deutscher verändert. ... Gewisse französische Händler empfingen diese Kunden mit offenen Armen und lasen ihnen alle Wünsche von den Augen ab.“ [1] Zu den Kunden zählte Friedrich Welz. Als man sich in Salzburg entschloss, neben einer unübersehbaren Zahl anderer Museen und Galerien „Großdeutschlands“ am Wettlauf zum Pariser Kunstmarkt teilzunehmen, bot es sich nahezu von selbst an, Parteigenossen Welz in dieses Rennen zu schicken. Er hatte sich schon 1935/36 privat dort umgesehen, was ihm durch seinen in Paris tätigen Bruder Johann (Jean) jedenfalls erleichtert worden war.[2] Zu dieser Qualifikation kam ein anderes Kriterium: Die erste Parisfahrt trat Welz zum Einkauf für Kleßheim an. Ob der Plan zu dieser Fahrt von ihm, von der Präsidialkanzlei des „Führers“ oder von den Kleßheim-Architekten ausging, lässt sich nicht mehr entscheiden. Billigung fand die Absicht rasch auf allen Seiten. Als einer der beiden Kleßheim-Architekten fungierte Otto Reitter, der auch die Residenz als Amtssitz für Reichsstatthalter Rainer adaptierte.[3] Er war der Bruder des Regierungspräsidenten und Gauhauptmannes Albert Reitter. Albert Reitter wiederum darf als der kraftvollste Mentor für Welz in der Gauleitung gelten. Der Chef der Präsidialkanzlei in Berlin, Otto Meißner, streckte 100 000.- Reichsmark vor und am 19. September 1940 reiste Welz im Dienstauto zum ersten Mal in offizieller Mission nach Paris.[4]

Für Kleßheim kaufte Welz vier Tapisserien um 40 000.- Reichsmark.[5] Daneben erwarb er zahlreiche Gemälde, vorläufig noch privat, jedenfalls aber bereits mit der Absicht, die Möglichkeiten der Errichtung einer öffentlichen Galerie in Salzburg Gauleiter Rainer attraktiv vor Augen zu führen.[6] Vor allem aber stammen von dieser ersten Fahrt seine überschwänglichen Berichte über die „außerordentlich günstigen weiteren Einkaufsmöglichkeiten“ in Paris.[7] Damit überzeugte er Rainer, der 200 000.- RM flüssig machte, womit Welz jetzt – im November 1940 – erstmals ernsthaft auf eine Realisierung seiner Landesgalerie-Pläne hoffen konnte.[8] Während seitens der Präsidialkanzlei in Berlin zusätzliche Einkäufe für Kleßheim abgelehnt wurden, erwarb Welz, ausgestattet mit Empfehlungsschreiben von Reichsminister Bernhard Rust und Gauleiter Rainer, auf weiteren vier Fahrten – im November 1940, im Februar, Mai und Oktober 1941 – für die zukünftige Landesgalerie bei verschiedenen Pariser Kunsthändlern rund 300 Kunstobjekte, größtenteils Bilder, auch einige Plastiken, sowie Einrichtungsgegenstände, darunter Teppiche, Gobelins, Tapisserien und Stilmöbel.[9] Daneben kaufte er selbstverständlich für sich privat, weiters für Reichsminister Fritz Todt, besonders für dessen Schulungszentrum auf der Plassenburg bei Kulmbach[10], für Reichsminister Bernhard Rust, der mit seiner Familie zeitweise in Leopoldskron lebte, mit Salzburg eng verbunden und beim Aufbau der Landesgalerie vielfach behilflich war[11], für Ex-Staatssekretär Kajetan Mühlmann, zu dem Welz stets enge Fühlung hielt[12], und für den Reichsgau Wien[13], mit dessen Gauleiter Baldur von Schirach Welz private Geschäfte verbanden[14]. An öffentlichen Sammlungen, die Welz aus seinen Paris-Einkäufen belieferte, lassen sich das Graphische Kabinett in München sowie das Kunsthistorische Museum und die Graphische Sammlung Albertina in Wien identifizieren.[15] Geradezu auffallend, jedoch aus den Spannungen zwischen Reichsgau und Gauhauptstadt zu erklären, ist die Distanz zum städtischen Salzburger Museum. Dafür gab es weitere Auftraggeber außerhalb Salzburgs, deren Namen aus Gründen der Diskretion verschwiegen wurden, sofern sie nicht – wie jener der Frau des Reichskommissars für Norwegen, Josef Terboven – während der Steuerprüfung auftauchten.[16] In Paris traf Welz auch den Halbbruder von Kajetan Mühlmann, Josef Mühlmann, den er längst aus Salzburg kannte.[17] Josef Mühlmann füllte seine Stellung als „Sonderbeauftragter des Reichskommissars für die besetzten niederländischen Gebiete“ nicht aus, sondern organisierte in Paris „Verkaufs“-Ausstellungen, u.a. für Hermann Göring, und betrieb im Hotel Mayran (heute Hotel Océan, Paris 9e, 7, rue Mayran) ein Büro[18], das Ankäufern aus Deutschland behilflich war, die strengen Ausfuhrbestimmungen für französische Kunstgegenstände zu umgehen.[19] Zweifellos versicherte sich Welz dieser Hilfe. Beim Ankauf der Objekte beschäftigte Welz mehrere Sub-Agenten für Vermittlungsdienste, von denen allerdings nur zwei, seine Dolmetscherin Madame Andrée Salamon und ein nicht näher identifizierter Monsieur Solpray, namentlich bekannt sind.[20] Nachweisbar sind auch Kontakte zu Wilhelm Jakob Mohnen, einem Gestapo-Agenten und besonderen Kenner des Pariser Kunstmarktes während der Besatzungszeit, der nach 1944 zu einem der wichtigsten Zeugen der Alliierten dafür wurde.[21] Verpacken ließ Welz seine Erwerbungen – wie die meisten seiner Konkurrenten – bei der Firma Schenker und Cie., Paris 9e, 5, rue Mayran, praktischerweise im Nachbarhaus von Josef Mühlmanns Büro.[22] Schenker übernahm für Welz auch mehrere Transporte. Gut dokumentiert ist einer der letzten Transporte, mit dem der Spediteur Adolf Stohrer aus Eschenbach auf seinem LKW-Zug Welz-Einkäufe zwischen dem 28. Jänner (Abfahrt Paris) und dem 10. März 1942 (Ankunft Salzburg) aus Frankreich ausführte.[23]

Koller, Fritz: Inventarbuch der Landesgalerie Salzburg 1942-1944.
Salzburg 2000, S. 14-16.


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[1] Hector Feliciano, Das verlorene Museum. Vom Kunstraub der Nazis (Berlin 1998), S.121, 124.

[2] SLA PräsA 1310/52; zu Jean Welz: Jean Welz. Ausstellungskatalog der Galerie Welz (Salzburg 1965).

[3] SLA RStH LH 17; Akten d. Abt. VIII, Karton 22 (Mappe 1).

[4] SLA RStH Kleßheim 37; HS 926/7 (15); 12 (Schriftverkehr Kolig I, 77).

[5] Akten d. Abt. VIII, Karton 22 (Mappe 1).

[6] Dokumentenanhang Nr. 11 (2 f.).

[7] SLA RStH Kleßheim 37.

[8] SLA RStH Kleßheim 37.

[9] SLA HS 926/5 (7); 7 (10); 10 (79); die Daten der Parisfahrten ergeben sich aus den Datierungen der Rechnungen (vgl. Abschnitt Inventarbuch, Edition, Rubrik: Herkunft und Geschichte) sowie z.T. aus: SLA HS 926/12 (Schriftverkehr Kolig I, 76, 78, 85, 102).

[10] SLA 926/5 (51); 7 (27); 10 (140, 152).

[11] SLA 926/5 (11); 10 (153).

[12] SLA 926/7 (26).

[13] SLA 926/7 (25).

[14] Dokumentenanhang Nr.4; SLA HS 926/10 (150).

[15] Graphisches Kabinett München und Kunsthistorisches Museum Wien: Beleg-Liste (SLA HS 926/18), S.1 u. 3 (vgl. Abschnitt Bildteil, Bildanhang, laufende Nummern 8 u. 43); Albertina: SLA 926/7 (25).

[16] SLA HS 926/10 (134, 139).

[17] Plasser, residenzfähig (wie Anm.6), S.270 f.

[18] Die Hausidentifizierung erfolgte vor Ort mit Hilfe von Zeugenaussagen.

[19] Dokumentenanhang Nr. 9; Feliciano, Museum (wie Anm.27), S.148.

[20] SLA HS 926/5 (50); 7 (24); 10 (151); 18 (nach Belegen geordnete Liste, S.3); Dokumentenanhang Nr. 10; mit hoher Wahrscheinlichkeit besteht eine Identität zwischen Mme. Andrée Salamon und jener „Madame Salamon“, die in den Schenker-Papieren genannt wird (Washington, National Archives II, Record Group 331, Enter 55 B, Box 326, Folder 246; Kopie SLA HS 926/19).

[21] SLA HS 926/10 (141); Feliciano, Museum (wie Anm.27), S.139 ff.

[22] SLA HS 926/5 (50); 10 (151).

[23] SLA HS 926/5 (5, 33, 34).