Salzburger Landessammlungen: Provenienzforschung und Restitution
Inhaltsverzeichnis: Geschichte der Landesgalerie
Die Landesgalerie als Gemäldegalerie im Zweckverband "Salzburger Museum"
Mit der Errichtung des Zweckverbandes „Salzburger Museum“ am 1. Juni 1944 hörte die Landesgalerie auf, als selbständige Einrichtung zu bestehen, und gingen ihre Sammlungen an diesen über. Unbeschadet früherer Überlegungen verfolgte schon Gauleiter Rainer den Plan eines „Gaumuseums“.[1] Grund für den Wunsch nach Veränderung war die Errichtung des Salzburger Museums Carolino-Augusteum 1834 als städtisches Institut und die Diskrepanz, dass es trotz seiner weiteren Zugehörigkeit zur Landeshauptstadt längst die Funktion eines Landesmuseums übernommen hatte.[2] Die Konfiskation privater Sammlungen vor allem aus kirchlichem Besitz und der Wunsch, sie in einem öffentlichen Museum zu präsentieren, drängten in Verbindung mit dem Platzmangel des Museums vermehrt zu einer Veränderung, die Gleichschaltung von Reichsgau und Gauhauptstadt erleichterte die Voraussetzungen dafür.[3] Nur eine großzügige Lösung bot zudem die Gewähr dafür, dass Salzburg im Wettlauf um die Aufteilung enteigneter jüdischer Sammlungen erfolgreich bestehen konnte. Hier hatte Gauleiter Rainer bereits 1940 eine Niederlage hinnehmen müssen, als Kulturschätze, die 1930 die Abtei St. Peter an die Sammlung Oskar Bondy verkauft hatte, nach deren Auflösung nicht nach Salzburg zurückkehrten, sondern in Wien, im Kunsthistorischen Museum, verblieben.[4] Gaukämmerer Lippert brachte dem neuen Gauleiter Scheel kurz nach der Vereinbarung über die Landesgalerie vom 13. Februar 1942 Rainers Überlegungen zur Errichtung eines „Gaumuseums“ nahe.[5] Damit konnten die Objekte aus kirchlichem Besitz für Salzburg gesichert, vermehrt Eintrittsgelder lukriert und – soweit es die Person Friedrich Welz betraf – seine dominierende Stellung im Salzburger Kulturleben doch noch beschnitten werden. Der Plan bestand darin, die Landesgalerie in den Zweckverband einzubringen und ihren Leiter der Aufsicht des Leiters des Zweckverbandes zu unterstellen. Zwar blieb die Raumfrage, wo diese deutlich vermehrten Sammlungen präsentiert werden könnten, ungeklärt, die organisatorische Problemlösung wurde jedoch noch 1943 trotz des Widerstandes der Stadt in Angriff genommen.[6] Seitens des Reichsgaus arbeitete der spätere Leiter der Residenzgalerie, Franz Narobe, an den Statuten für den Zweckverband.[7] Auf der Grundlage einer Vereinbarung zwischen Reichsgau und Gauhauptstadt vom 8. Mai 1944 fasste Gauleiter Scheel am 20. Mai 1944 den Beschluss zur Errichtung des Zweckverbandes „Salzburger Museum“, der mit Wirksamkeit vom 1. Juni 1944 in Kraft trat.[8] Der Gau brachte die Sammlungen von St.Peter, der ehemaligen Residenzgalerie und der Landesgalerie ein, die Stadt die Bestände des Museums, wovon allerdings einzelne Teile des Archivs und der Bibliothek ausgenommen blieben. Später, nach 1945, versuchte Welz den Eindruck zu erwecken, dass Initiative und Konzept zu dieser Vereinigung wesentlich auf ihn zurückzuführen gewesen wären.[9] Fest steht jedenfalls, dass die Personalentscheidung hinsichtlich der Leitung des Zweckverbandes in einem Ausmaß seinen Vorstellungen entsprach, dass man erfolgreiche Interventionen seinerseits voraussetzen kann[10]: Dafür wurde Bruno Grimschitz gewonnen. Aufgrund seiner Fachkompetenz und seiner Qualifikation als Parteigenosse war Grimschitz ab 1939 durch Kumulation mehrerer Funktionen zu einer der wichtigsten Persönlichkeiten der Kulturszene in der „Ostmark“ avanciert: 1939 Leitung der Österreichischen Galerie, womit ihn Hitler persönlich betraute, 1940 Leitung der Gemäldegalerie des Wiener Kunsthistorischen Museums, 1941 Leitung des neu gegründeten Prinz-Eugen-Museums.[11] Vorübergehende Schwierigkeiten für Grimschitz in Wien, hinter denen offenbar Kajetan Mühlmann stand, blieben für Welz, den Freund beider, nicht ohne Peinlichkeit.[12] Nach Grimschitz‘ eigener Aussage aus dem Jahr 1951 wäre er schon 1941 zum ehrenamtlichen Leiter der Landesgalerie Salzburg bestellt worden.[13] Dabei kann es sich aber nur um informelle Gespräche zwischen ihm, Gauleiter Rainer und – vermutlich – Friedrich Welz gehandelt haben. Gauleiter Scheel erwähnte diese Möglichkeit beim Gründungsakt der Landesgalerie am 13. Februar 1942 jedenfalls mit keinem Wort. Erst 1943 kam er auf Bruno Grimschitz zurück und bestellte ihn spätestens zu Jahresbeginn 1944 als Leiter des zukünftigen Zweckverbandes.[14] Für Welz war diese Wahl Goldes wert. „Grimschitz ist sicher ein entzückender Mensch und aufrichtiger Freund guter, moderner Kunst ...“.[15] Aufgrund dieses Sympathiewertes und in richtiger Abschätzung von Grimschitz‘ Perspektiven hatte Welz zu ihm schon 1937 Kontakte geknüpft und diese während des Krieges gepflegt und intensiviert.[16] Grimschitz reiste im Auftrag und auf Kosten der Galerie Welz ins Ausland, wurde von Welz nach Salzburg zu Vorträgen eingeladen und kaufte als Leiter der Österreichischen Galerie bei Welz ein.[17] Der Erfolg dieser Bemühungen ließ nicht auf sich warten. Als Martha Osthoff ab März 1944 Ordnung in das Inventar der Landesgalerie brachte, ließ sich am 30. dieses Monats Welz von Grimschitz rückwirkend die Lauterkeit aller Geschäfte bestätigen, die er als Privatmann mit der Landesgalerie getätigt hatte und die nun im Zuge der Inventarisierung transparent wurden.[18] Neben zahlreichen Tauschvorgängen mit Bildern zählte dazu auch der Verkauf von Bilderrahmen.[19]Als Grimschitz‘ Stellvertreter fungierte der bisherige Museumsdirektor Lothar Pretzell. Welz behielt seine Stellung als Leiter der Gemäldegalerie – wie die Landesgalerie als Teil des Zweckverbandes nun benannt wurde – bei, wurde jedoch in dieser Funktion Grimschitz und Pretzell unterstellt und in seiner finanziellen Verfügungsgewalt auf Beträge bis zu 500.- Reichsmark beschränkt.[20] In der Gauleitung übernahm Reitters Nachfolger als Gauhauptmann, Oskar Grazer, die Verantwortung für den Zweckverband.[21] Bei ihm scheint Welz mit seiner Praxis des Anbiederns nicht erfolgreich gewesen zu sein. Fragen der Raumaufteilung im Haus Schwarzstraße Nr. 7 (heute Nr. 15), wo Gauhauptmann Grazer auf die Zuweisung einer Wohnung hoffte, während Welz eine solche Grimschitz zuschanzte, dürften dabei – zumindest unter anderem – eine Rolle gespielt haben.[22] Nach der oben beschriebenen Organisation des Zweckverbandes vom 10. August 1944 änderte Grazer einen Monat später, am 12. September, die Zuständigkeiten. Neben Grimschitz und Pretzell wurde nun der Kultursachbearbeiter des Reichsstatthalters, Max Ruderisch, im gleichen Ausmaß wie Welz zeichnungsberechtigt, während Welz seine Anweisungsbefugnis einbüßte.[23] Grazer trat damit als Widersacher von Welz an die Stelle von Gaukämmerer Lippert, der – Ironie des Schicksals – gleichzeitig mit Welz im September 1944 zur Wehrmacht eingezogen wurde.[24] Zur selben Zeit plante Grazer die Gebarung der früheren Landesgalerie durch das Rechnungsprüfamt neuerlich kontrollieren zu lassen, wofür dem „Kaufmann Friedrich Welz“ als ihrem „ehemaligen Leiter“ die Geschäftsunterlagen abgefordert wurden.[25] Die Überprüfung unterblieb kriegsbedingt. Grimschitz und Pretzell trachteten danach, die Gemäldegalerie im Einflussbereich des Museums zu behalten, indem sie Martha Osthoff, die jetzt die Geschäfte führte, an sich zu binden versuchten.[26] Grazer überspielte beide durch die Weisung, dass sich Osthoff in allen Angelegenheiten der Galerie an ihn oder Ruderisch zu wenden habe.[27] Das alles vollzog sich bereits in Abwesenheit von Welz. Der jähe Fall, der steilem Aufstieg mitunter folgt, traf Welz somit noch unter der NS-Herrschaft. Nach ihrem Zusammenbruch versuchte Welz daraus insofern Nutzen zu ziehen, indem er aller Wahrscheinlichkeit nach auf diese Vorgänge seine Behauptung stützte, er sei vor ein Parteigericht gestellt worden und daran anschließend schon 1944 aus der NSDAP ausgetreten. Ab dem September 1944 hatte Welz jedenfalls allen Einfluss auf seine Schöpfung, die ehemalige Landes- und nunmehrige Gemäldegalerie des Zweckverbandes, verloren.
Koller, Fritz: Inventarbuch der Landesgalerie Salzburg 1942-1944.
Salzburg 2000, S. 33-35.
Inhaltsverzeichnis: Geschichte der Landesgalerie
[1] SLA HS 926/5 (30).
[2] Josef Gassner und Kurt Willvonseder, Geschichte des Museums, in: Salzburger Museum Carolino Augusteum. Jahresschrift 1966/67 (Salzburg 1968), S.28 ff.; Karl Ehrenfellner, Aus der Geschichte des Salzburger Museums C.A., in: Museum in Trümmern. Begleitheft zur 178. Sonderausstellung des Salzburger Museums C.A. anläßlich der 50.Wiederkehr der Zerstörung des Museumsgebäudes durch Fliegerbomben (Salzburg 1994), S. 5 ff.
[3] SLA HS 926/7 (12, 13).
[4] St. Peter in Salzburg (Katalog zur 3.Salzburger Landesausstellung), hg.v.Heinz Dopsch u.Roswitha Juffinger (Salzburg 1982), S. 362; Theodor Brückler, Kunstwerke zwischen Kunstraub und Kunstbergung: 1938-1945, in: Kunstraub (wie Anm.20), S. 14, Anm. 6, S. 24, Anm. 51; Herbert Haupt, Die Rolle des Kunsthistorischen Museums bei der Beschlagnahme, Bergung und Rückführung von Kunstgut in den Jahren 1938-1945, in: ebenda, S. 58, 74.
[5] SLA HS 926/5 (30).
[6] SLA HS 926/12 (Schriftverkehr Kolig I, 178 f.); Nikolaus Schaffer, Das Museum während der NS-Zeit, in: Museum in Trümmern (wie Anm.258), S. 19 f.
[7] SLA HS 926/5 (75).
[8] Verordnungs- und Amtsblatt für den Reichsgau Salzburg 48/1944; Salzburger Landeszeitung, 18.5.1944, S.4; Renate Ebeling-Winkler, Das Museum in Kisten, in: Museum in Trümmern, (wie Anm.258), S. 43 f.
[9] Dokumentenanhang Nr. 11(3).
[10] Dokumentenanhang Nr. 11(3).
[11] SLA HS 926/10 (85, 86); Hans Sedlmayr, Bruno Grimschitz, in: Gedenkbuch Bruno Grimschitz, hg.v.Karl Ginhart u.Gotbert Moro (Kärntner Museumsschriften 44) (Klagenfurt 1967), S.175 ff.; Czernin, Fälschung (wie Anm.197), S.308 f.
[12] SLA HS 926/12 (Schriftverkehr Kolig I, 96).
[13] SLA HS 926/12 (Schriftverkehr nach 1945, 51).
[14] SLA HS 926/12 (Schriftverkehr Kolig I, 178, 188).
[15] SLA HS 926/12 (Schriftverkehr Kolig I, 53).
[16] Bruno Grimschitz, Ferdinand Georg Waldmüller. Zur Ausstellung in der Galerie Welz, Schwarzstraße, in: Salzburger Kunstchronik 4 (1937), S.6 f.
[17] SLA HS 926/10 (86); 12 (Schriftverkehr Kolig I 158 f.); Czernin, Fälschung (wie Anm.197), S.408 f.
[18] SLA HS 926/10 (72-75).
[19] Bildertausch: Abschnitt Inventarbuch, Statistik; Rahmengeschäft: SLA HS 926/5 (60).
[20] SLA RStH GK 334.
[21] Zur Person: Salzburger Zeitung, 7.6.1944, S.4.
[22] SLA HS 926/12 (Schriftverkehr Osthoff).
[23] SLA RStH GK 334.
[24] SLA RStH Kleßheim 37; SLA HS 926/12 (Schriftverkehr Osthoff).
[25] SLA HS 926/7 (44, 45).
[26] SLA HS 926/12 (Schriftverkehr Osthoff).
[27] SLA HS 926/12 (Schriftverkehr Osthoff).

