Salzburger Landessammlungen: Provenienzforschung und Restitution
Inhaltsverzeichnis: Geschichte der Landesgalerie
Gründung und Finanzierung der Landesgalerie
Von all dem war im Sommer 1941 noch keine Rede. Am 31. Juli eröffnete Gauleiter Rainer die Ausstellung „Französische Kunst des 19. Jahrhunderts“.[1] Sie wurde von der Galerie Welz in ihren Räumen in der Schwarzstraße präsentiert, obwohl ausschließlich Kunstgegenstände gezeigt wurden, die Welz kurz zuvor in Paris für die zukünftige Landesgalerie erworben hatte. Umso dringender schien nun deren Gründung. Ein offizielles Gespräch darüber mit Welz hatte schon am 15. Juli stattgefunden.[2] Drei Monate später wurde zwischen Gauleiter Rainer, Gauschatzmeister Ottokar Besl und Kulturdezernenten Gerhard Leinveber unter Ausschluss von Friedrich Welz die weitere Vorgangsweise besprochen.[3] Zunächst sollten die Eigentumsrechte geklärt werden. Zwar hatte Welz in Paris großteils mit Mitteln eingekauft, die ihm Rainer zur Verfügung gestellt hatte, doch blieb er nomineller Eigentümer aller Objekte. Im Nachhinein wurde seine Rolle nun als die eines „Kommissionärs des Gauleiters“ definiert, der die Objekte nicht als Zwischenhändler, sondern im Auftrag und unmittelbar für den Gauleiter erworben hatte. Eine solche Definition wäre von Anfang an erforderlich gewesen, doch war sie bei der Improvisation, mit der man sich im Spätherbst 1940 in das Abenteuer gestürzt hatte, unterblieben. Auf die gleiche Improvisation lässt sich auch zurückführen, dass der Gauleiter – und nicht der Reichsgau – die Objekte übernahm. Um allen Vorschriften für die Gebarung des öffentlichen Haushalts aus dem Weg zu gehen, waren die Ankäufe nicht aus Mitteln des Reichsgaus, sondern aus solchen der Partei finanziert worden. Welz stand für seine Bemühungen neben den Spesen eine Provision zu, die später mit zehn Prozent festgesetzt wurde.[4] Sie konnte durch Auszahlung oder die Überlassung von Kunstwerken abgegolten werden. Erwähnt wird auch eine „Sammlung Welz“ aus dem Privatbesitz von Friedrich Welz, die er in die Landesgalerie einbringen wollte.[5] Um Rainer für seinen Plan zu gewinnen, hatte Welz offenbar zugesagt, zur Ausstattung der zukünftigen Landesgalerie auch durch die Überlassung eigener Kunstgegenstände beizutragen. So umfangreich sollte diese Widmung sein, dass sich Rainer über die weitere Liquidität von Welz‘ Geschäft Sorgen machte. Unbegründet. Obwohl 1943 nochmals davon die Rede war, blieb Welz diese Stiftung schuldig.[6] Es handelte sich um die gleiche Überlegung, mit der er in den siebziger Jahren die Gründung des Rupertinum betrieb und in diesem Fall dann seine Zusage einhielt.
Als mit dem Jahreswechsel 1941/42 Gauleiter Friedrich Rainer durch Gauleiter Gustav A. Scheel abgelöst wurde, befand sich die Angelegenheit der Landesgalerie in einem Zwischenstadium: Zwar war ihre Sammlung aus dem nominellen Besitz eines Privatmannes an den Gauleiter übergegangen, der zweite Schritt, ihre Übertragung in das öffentlich Eigentum, fehlte noch. Scheel war bestrebt, das Problem rasch und definitiv zu regeln. Am 13. Februar 1942 lud er zu einer Besprechung, als deren Ergebnis die Landesgalerie in das öffentliche Eigentum übertragen wurde und aus der sie als eigene Rechtspersönlichkeit hervorging.[7] Als zugehörig zu ihren Sammlungen wurden definiert: jene Gegenstände, die auch künftighin ihr unveräußerliches Eigentum bleiben sollten; weiters jene Gegenstände, die für Tausch und Verkauf vorgesehen waren; sowie jene Objekte, die in Kleßheim, in der Residenz, in anderen Amtsgebäuden oder in Leopoldskron, hier vor allem die Großplastiken, aufgestellt werden sollten. Um sie alle an ihren verschiedenen Standorten zu erfassen, musste ein Inventar angelegt werden. Mit dem Kunsthandel, der somit von Anfang an einen integrierenden Bestandteil der Geschäftsabwicklung der Landesgalerie bildete, sollten die Mittel für Neuankäufe erzielt werden. Damit wie mit der künstlerischen Leitung der ganzen Galerie wurde Friedrich Welz betraut. Käufe und Verkäufe hatte er über ein eigenes Konto „Landesgalerie“ abzuwickeln und darüber an Regierungspräsidenten Reitter, in Ausnahmefällen an Gauleiter Scheel zu berichten.[8] Diese Verpflichtung, der Welz offenkundig nur sehr salopp nachkam, dürfte ihm nicht all zuviel Kopfzerbrechen bereitet haben. Eine Definition seiner Pflichten und Rechte, die jedenfalls auch eine Stellung als unbesoldeter Ehrenbeamter umfassen sollte, wurde ihm in Aussicht gestellt. Eine Presseerklärung wurde vorgesehen und konzipiert, aber nie weitergegeben.[9] Möglicherweise lässt sich dieses Defizit dadurch erklären, dass ein Punkt offen blieb: Der Name „Landesgalerie“ schien 1942, als es kein Land Salzburg mehr gab, unpassend. Eine überzeugende Alternative konnte allerdings nicht gefunden werden. Mit ihrem Übergang an den Zweckverband 1944 veränderte die Galerie ihren Namen – wenig signifikant, eher indifferent – zu: „Gemäldegalerie“. Griffiger schien, woran Welz dachte: Die ihm vorschwebende Bezeichnung „Welz - Galerie“ ist allerdings von offizieller Seite für keine seiner Gründungen – weder vor noch nach 1945 – jemals in Erwägung gezogen worden.[10]
Gaukämmerer Robert Lippert, der an der Besprechung vom 13. Februar 1942 teilgenommen hatte, verweigerte im Nachhinein die Unterfertigung des Protokolls.[11] Die Frage der Finanzierung schien ihm nicht ausreichend geklärt.[12] Im Kaufrausch 1940/41 hatte Gauleiter Rainer wiederholt Mittel in der Größenordnung von mehreren hunderttausend Reichsmark (RM) zur Verfügung gestellt.[13] Das Geld stammte aus einem Kredit von einer halben Million Reichsmark, um den Rainer Reichsschatzmeister Franz Xaver Schwarz zugunsten des Aufbaus der Landesgalerie ersucht hatte.[14] Durch Zugriffsrecht auf die Kunstwerke ließ sich Schwarz sein Darlehen besichern. Weitere 50 000.- RM stammten aus dem beschlagnahmten Vermögen der Halleiner Schulschwestern.[15] Da der Rechnungshof diese Vorgangsweise bemängelte, dürften bei Fehlen jeder anderen derartigen Beanstandung keine weiteren solchen Gelder in die Landesgalerie eingeflossen sein. Abgesehen von den zuletzt genannten 50 000.- RM stammten somit alle bis zum Jahreswechsel 1941/42 aufgewendeten Gelder aus dem Vermögen der Partei. In der Gründungsbesprechung vom 13. Februar 1942 wurde nun zum ersten Mal Gaukämmerer Lippert als Verwalter der öffentlichen Mittel des Reichsgaus mit der Finanzierung der Landesgalerie befasst und – wie sein Protest zeigt – offenbar vor vollendete Tatsachen gestellt. Dass der Reichsgau die bisher aufgelaufenen Unkosten übernahm, schien gerechtfertigt, da die Kunstwerke in sein Eigentum übergingen. Lipperts Problem war das Beschaffen des Geldes und seine korrekte Unterbringung im Rahmen des Haushaltsplanes. Mittlerweile ging es nicht mehr um eine halbe Million, sondern um rund 850 000.- RM, wovon Welz zwischen 725 000.- und 770 000.- RM für den Ankauf von Kunstwerken aufgewendet und den Rest für die Bestreitung von Unkosten verbraucht hatte.[16] Rund die Hälfte dieses Überhangs von ca. 350 000.- RM hatte er offenbar selbst vorgeschossen. Jedenfalls wurde eine Forderung zu seinen Gunsten von ca. 200 000.- RM anerkannt, die wahrscheinlich seine Provision von ca. 50 000.- RM einschloss.[17] Im Rest des Überhangs von 350 000.- RM waren auch Ausgaben zugunsten von Schloss Kleßheim enthalten, dessen Ausstatter Otto Strohmayr und Otto Reitter Einrichtungsgegenstände übernommen hatten, die Welz für die Landesgalerie gekauft hatte.[18] Dafür musste nicht der Reichsgau, sondern die Präsidialkanzlei in Berlin aufkommen.[19] Eine präzise Abgrenzung der Beträge gegeneinander konnte – bei Welz wird das niemand überraschen – lange Zeit nicht getroffen werden.[20] Durch das Hinausrechnen der Kleßheim-Aufwendungen, durch den Verkauf von Kunstwerken in der Größenordnung von ca. 210 000.- RM und die Zuführung einer halben Million bis zum Jahresende 1943 konnte das Darlehen des Reichsschatzmeisters zurückgezahlt und eine Ausgeglichenheit im Budget der Landesgalerie hergestellt werden. Die halbe Million – für deren Aufbringung verschiedene Finanzierungsmodelle überlegt worden waren[21] – stammte schließlich allein aus dem Verkauf von Schloss Kleßheim, das der Reichsgau am 2. Jänner 1942 um eineinhalb Millionen Reichsmark an das Reich veräußert hatte.[22] Diese Summen konnten nicht ohne Zustimmung von Reichsinnenminister Wilhelm Frick bewegt werden. Als der Minister am 16. September 1942 seine Zweifel an der Sinnhaftigkeit der Errichtung einer Gemäldegalerie zu diesem Zeitpunkt in Salzburg vortrug, schien das Projekt noch einmal gefährdet.[23] Mit einem ausführlichen Schreiben, für das Welz – in seltener Eintracht mit Leinveber und Lippert – das Konzept geliefert hatte, konnte Gauleiter Scheel die Einwände aus dem Reichsinnenministerium entkräften, die Gründung der Landesgalerie durchsetzen und sogar als „kriegswichtige Aufgabe“ deklarieren.[24] Für die Landesgalerie führte ab 1943 – rückwirkend ab 1940 – die „Süddeutsche Treuhand“ die Geschäftsbücher. Sie erstellte Jahr für Jahr ausgeglichene Bilanzen, indem auf der Aktiva-Seite die vorhandenen Kunstobjekte exakt mit jenem Geldwert bemessen wurden, den die Ziffern auf der Passiva-Seite erforderten.[25]
Koller, Fritz: Inventarbuch der Landesgalerie Salzburg 1942-1944.
Salzburg 2000, S. 22-24.
Inhaltsverzeichnis: Geschichte der Landesgalerie
[1] Dokumentenanhang Nr.2; vgl.Abschnitt Inventarbuch, Index 4; Salzburger Volksblatt, 1.8.1941, S.5.; Französische Kunst des 19.Jahrhunderts. Galerie Welz / Salzburg (Ausstellungskatalog, o.O., o.J.).
[2] SLA HS 926/5 (4).
[3] SLA HS 926/5 (6).
[4] SLA HS 926/5 (15, 20).
[5] SLA HS 926/5 (6); vgl. auch die diesbezüglich nicht ganz klaren Formulierungen in: Salzburger Volksblatt (wie Anm.112).
[6] SLA HS 926/7 (24).
[7] Dokumentenanhang Nr.4; ergänzend SLA HS 926/5 (24).
[8] SLA HS 926/5 (61); 7 (35-40).
[9] Dokumentenanhang Nr.5; obwohl in den Akten die Information der Öffentlichkeit erwähnt wird (SLA HS 926/7 [12, 13]), fand der Vorgang in der Presse nur ganz peripher Erwähnung (Salzburger Zeitung, 6.3.1942, S.3).
[10] SLA HS 926/7 (24).
[11] SLA HS 926/7 (5, 6).
[12] SLA HS 926/5 (30).
[13] SLA HS 926/5 (86).
[14] SLA HS 926/5 (6).
[15] SLA HS 926/5 (30); Dokumentenanhang Nr. 1.
[16] SLA HS 926/5 (68, 87); 7 (27); eine nach Rechnungsbelegen geordnete Liste von Welz (SLA HS 926/18) nennt eine Summe von 14,5 Millionen FF, was bei einem Umrechnungskurs zwischen Francs und RM von 20:1 725 000.- RM entspricht.
[17] SLA HS 926/5 (43); 7 (8, 24); 10 (166).
[18] SLA Akten d. Abt. VIII, Karton 22 (Mappe 1).
[19] SLA HS 926/5 (51).
[20] SLA HS 926/5 (43); RStH Kleßheim 37.
[21] SLA HS 926/7 (2, 3).
[22] SLA, Grundbücher des Gerichtsbezirks Salzburg, KG Siezenheim, EZ 170; Urkundensammlung 1823/1948; HS 926/5 (43, 61); 7 (4, 8, 16, 17, 41).
[23] SLA HS 926/7 (11).
[24] SLA HS 926/5 (48, 52, 61); 7 (11-13).
[25] SLA HS 926/7 (23, 27); 10 (131 ff.).

