Steinwild im Nationalpark Hohe Tauern

Steinbock (c) Kurt Bouda/.pixelio.de
Kaum ein Wildtier des Hochgebirges hat in Sage, Aberglaube, Volksmedizin und Brauchtum über Jahrhunderte eine so große Rolle gespielt wie der Alpensteinbock. Der Steinbock ist ein kraftvolles Tier, das eine Schulterhöhe von 1 m und ein Gewicht von 100 kg erreichen kann. Seine mächtigen Hörner können bis zu 1 m lang und bis zu 15 kg schwer sein. Die Geißen sind kleiner als die Böcke und haben nur ca. 30 cm lange Hörner. Die tiefgespaltenen Hufe der stämmigen Beine mit den gummiartigen Zehenballen und scharfen Schalenrändern verleihen den Tieren eine außerordentliche Kletterfähigkeit.
Das Wildbret, die wunderschöne Trophäe und insbesondere der Glaube an übernatürliche Kräfte des Steinwildes, es galt als Universalheilmittel gegen alle Krankheiten - fast alle seine Körperteile wurden in der Volksmedizin verwendet (Herzkreuz, Blut, Steinbockhorn etc.) - führte zu einer rücksichtslosen Dezimierung dieser Tiere im Alpenraum. Gegen das 13. Jahrhundert zu dürfte das Steinwild auf der Nordabdachung der Hohen Tauern bereits ausgerottet worden sein. Erzbischof Leonhard von Keutschach ließ daher im Jahr 1499 Steinwild aus dem damals zu Salzburg gehörenden Zillertal in das Felber-, Hollersbach- und Habachtal überführen. Zum Schutz dieses wiedereingebürgerten Steinwildes wurden strenge Strafen (bis hin zu Todes- und Galeerenstrafen) erlassen. Trotz dieser strengen Schutzmaßnahmen ist diese erste Wiederansiedlung durch Wilderei und in Zusammenhang mit einer Klimaverschlechterung in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts mißlungen. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts verschwand das Steinwild aus den gesamten Ostalpen. Die letzte Zufluchtsorte des westalpinen Steinwildes war das Gebiet des heutigen Nationalparks Gran Paradiso in Oberitalien. Von hier aus erfolgte ab 1906 die Wiedereinbürgerung im gesamten Alpenraum.
In den Jahren von 1960 bis 1965 versuchte man in der Schobergruppe und von 1969 bis 1975 im Gebiet nördlich von Kals in Osttirol Steinwild wiederanzusiedeln. Beide Versuche waren, von einigen Rückschlägen abgesehen, erfolgreich. Das Steinwild hat inzwischen auf der Südseite der Hohen Tauern weite Wanderungen unternommen und selbst geeignete Gebiete ausgewählt und besiedelt. Es kommt auch immer wieder zu Wanderungen von Steinwild auf die Nordseite der Hohen Tauern. Die einzige eigenständige Ansiedlung auf der Nordseite erfolgte im innersten Mühlbachtal (Niedernsill). Auf der klimatisch ungünstigeren Nordseite ist die Ansiedlung im Naßfeld/Gasteinertal 1970 die erfolgreichste. Im Bereich der Hohen Tauern wurden im Bundesland Salzburg darüber hinaus 1978 im Obersulzbachtal, 1989 im Anlauftal und seit 1994 im Raurisertal erfolgreiche Wiedereinbürgerungen durchgeführt. In den letzten Jahren siedelte sich Steinwild selbständig im Felber-, Stubach-, Kapruner- und Fuschertal wieder an. Mittlerweile entwickelte sich mit mehr als 400 Tieren in den Hohen Tauern eine ansehnliche Population.
Man kann somit recht zuversichtlich in die Zukunft sehen, dass das Steinwild, die zweifelsohne imposanteste Tierart im Nationalpark Hohe Tauern, durch diese vorbildhafte gemeinschaftliche Artenschutzaktion sowie durch eigenständige Ansiedlungen auch auf der Nordabdachung der Hohen Tauern wieder ihren angestammten Lebensraum besetzt.

