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Nachlese zur Aktionswoche
Schreie im Stillen
Sexuelle Gewalt an Mädchen und Buben ist tabu

17. - 24. Oktober 2002



Derzeit leben 112.320 junge Menschen unter 18 Jahren im Bundesland Salzburg. Statistisch wird angenommen, dass in Österreich jedes vierte Mädchen und jeder siebte Bub unter 16 Jahren sexuell missbraucht wird. Die meisten dieser Kinder und Jugendlichen schweigen - oft ihr Leben lang. Sexuelle Gewalt  ist nicht nur im geschlossenen System der Familien und im sozialen Nahraum ein Tabu, wo die meisten Missbrauchsfälle stattfinden, geschwiegen wird auch im gesamtgesellschaftlichen Gefüge - meist aus Angst vor den Folgen einer Anzeige, aus Unsicherheit, aus falsch verstandener Rücksichtnahme auf das Kind oder aus Loyalität den Tätern gegenüber.

Mit der Aktionswoche "Schreie im Stillen - sexuelle Gewalt an Mädchen und Buben ist tabu" setzten wir ein öffentliches Signal, um das Schweigen zu brechen. Den Auftakt machte dabei die Fachtagung am 17. Oktober im Bildungshaus St. Virgil. In Workshops und Referaten wurden konkrete Hilfestellungen für Betroffene sowie für BeraterInnen im Jugend- und Sozialbereich geboten. Betroffene, VertreterInnen von Selbsthilfegruppen sowie ExpertInnen aus den Bereichen Medizin, Exekutive, Therapie, Kirche, Kunst und Politik vermittelten die Situation ganzheitlich. In Theater-, Film- und Diskussionsangeboten bereiteten wir das Thema für Jugendliche auf.


Ein "Tabu" ist eine konventionelle, sittliche Schranke. Tabu darf daher nur der sexuelle Missbrauch sein, nicht aber das Reden darüber.

Der Folder „Beratung und Information in Stadt und Land Salzburg" kann kostenlos unter bff@salzburg.gv.at angefordert werden.
Download (pdf, 243 KB)




Donnerstag, 17. Oktober 2002 - Bildungshaus St. Virgil/Salzburg

WIDER SEXUELLE GEWALT AN MÄDCHEN UND BUBEN - DIE FACHTAGUNG


Der Begrüßung durch BM Heinz Schaden folgte ein angeregtes Gespräch der LH-Stvin Gabi Burgstaller mit der Autorin und Betroffenen Olga Masur. Zentrale Themen des Gesprächs bildeten die Verarbeitung und die Bewältigungsstrategien Betroffener von sexueller Gewalterfahrung die Individualisierung der Opfer und vor allem das aktive Brechen des Schweigens, das meist mit dieser Gewalttat einhergeht.

Neue wissenschaftliche Erkenntnisse über Strategien sexueller Gewalttäter stellte Drin Anita Heiliger (Soziologin, Deutsches Jugendinstitut in München, Biografie word) vor. In ihrem Fachvortrag (Vortrag word) berichtete Sie von sorgfältiger, oft langfristig geplanter Vorbereitung der Täter. Der Rechtsanwalts Dr. Peter Lechenauer (Salzburg), hingegen referierte aus der Praxis der Salzburger Strafverfahren. Er ging dabei nicht nur auf die persönliche Belastung der Strafverfahren für alle Beteiligten ein und auf die Schwierigkeiten, die bei der Vertretung der Opfer als Privatbeteiligtenvertreter entstehen ein, sondern auch auf Veränderungen im Strafverfahren. (Referat word)


Die TeilnehmerInnen vertieften verschiedene Aspekte in Workshops zu den Themen:

  1. "Verhalten bei vermutetem sexuellen Missbrauch" word
  2. "Jahre danach: Der Umgang Betroffener mit sexueller Gewalt" word
    Problematik der Verjährung
  3. "Sexuelle Gewalt gegen junge Frauen, die als geistig oder mehrfach behindert gelten" word
  4. "Täterarbeit" word
  5. "Psychiatrische Behandlung statt Aufarbeitung sexueller Gewalterfahrungen" word


Berichte aus den Arbeitsgruppen

  • Es besteht politischer Handlungsbedarf hinsichtlich der Verjährungsfristen vom sexuellem Missbrauch und der Sicherstellung von Rechtshilfen. Begründet ist diese Forderung durch die oft jahrzehntelange Verdrängung der Opfer. Wichtig ist in diesem Zusammenhang die Sensibilisierung der Gesellschaft. Denn: Nicht die Aufdeckung der Verbrechen bringen die Familien oder soziale Gemeinschaften in Konflikte und Unfrieden, sondern die Tat. Auch in Einrichtungen für Behinderte dürfen sexualisierte Gewalttaten nicht tabuisiert und „intern“ geregelt werden.
  • Um die Zahl der Opfer zu reduzieren, braucht es entsprechende Maßnahmen in der Arbeit mit Tätern - wie verpflichtende Therapie, Konfrontation mit Betroffenen, Kontrolle Täterarbeit.
  • Ein weiteres, die Kraft vieler Opfer sexualisierter Gewalt diese schlimmen Erfahrungen in - häufig kreative - Energie zu transformieren.
  • Überlebende sexueller Gewalt sind  stark – allein schon deshalb, weil sie den Missbrauch überlebt haben. Es ist  Zeit, ihre Stäken und Bewältigungsstrategien anzuerkennen und sie als ExpertInnen in verschiedene Gremien mit einzubeziehen. Als konkretes Ergebnis des Arbeitskreises "Sexuelle Gewalt gegen junge Frauen, die als geistig oder mehrfach behindert gelten" wird ein Anliegen über das Netzwerk der Frauenbeauftragten der Länder an den Bund herangetragen: Die 1996 in der Schriftenreihe der (damals) Frauenministerin herausgegebene Studie "Weil alles weh tut mit Gewalt Sexuelle Ausbeutung von Mädchen und Frauen mit Behinderung" (Ahia Zemp, Erika Pircher) ist seit längerem vergriffen. Da diese Studie ein österreichisches Basiswerk darstellt und ständig nachgefragt wird, wird ersucht, sie wieder aufzulegen.


Mit einer lebhaften Podiumsdiskussion zum Titel "Sexuelle Gewalt kennt keine Grenzen" schloss die Fachtagung. Rudolf Feichtinger (Leiter der Kriminalpolizeilichen Abteilung BPD Salzburg), Anita Heiliger (Deutsches Jugendinstitut, München), Elisabeth Mayr (ORF Journalistin) erörterten unter Moderation von Frau Dagmar Stranzinger

  • die Einflüsse des Internets auf sexuelle Gewalttaten an Mädchen und Buben,
  • die Reaktionen der katholischen Kirche auf Fälle von sexuellem Missbrauch durch Priester und
  • die Frage nach Tätertypologien.


Herr Feichtinger illustrierte die Schwierigkeiten, denen sich die Gendarmerie durch das Internet gegenüber sieht. Ein anderer Aspekt mit dem sich die DiskutantInnen auseinandersetzten, war die Grenze zwischen straffälligen und nicht straffälligen Handlungen im Umgang mit den world wide web. Sexuelle Gewalt kennt keine Grenzen, Frau Heiliger verdeutlichte dies anhand von Tätertypologien. Tätertypologien, die es nicht gibt, denn das meist einzig Charakteristische an Sexualtätern ist ihre starke Anpassung an das soziale Umfeld. "Es" kann gerade der sein, von dem es am wenigsten vermutet wird. Das Verhalten der katholischen Kirche im "Fall Groer" war Ausgangspunkt des Diskussionsaspekts Missbrauch von Mädchen und Buben durch Geistliche. Nach einer regen Auseinandersetzung mit dem Publikum zog Frau Mayr das Resümee, dass die Richtlinien der Bischofskonferenz und die Maßnahmen des Papstes, zwar noch kein Optimum darstellen, aber einen Fortschritt in die richtige Richtung.

Eine gemeinsame Veranstaltung von

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Rückfragen: Katharina Zehner